Gemeinsam bis die Kinder kommen

Traditionelle Rollenmuster für Frau und Mann haben in vielen europäischen Ländern ausgedient. An ihre Stelle sind facettenreiche Gender-Ideologien getreten, wie eine neue umfassende Untersuchung nachweist.

Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben, doch drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder: Wer kennt sie nicht, die Zeilen aus Friedrich Schillers Lied von der Glocke? Die Zuständigkeitsbereiche von Mann und Frau sind noch klar voneinander geschieden, jedes Geschlecht hat seinen Platz. Kurz nach Erscheinen des Gedichts, vor gut zweihundert Jahren, spotteten Zeitgenossen bereits über die strikte Rollenzuweisung. Heute mutet sie völlig antiquiert an – und das nicht nur in Deutschland.

„In weiten Teilen Europas hat die einst dominante Ideologie komplett separater Sphären von Mann und Frau ausgedient“, sagt Daniela Grunow, Soziologie-Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. An die Stelle traditioneller Rollenmuster ist eine neue Vielfalt von Geschlechter-Ideologien getreten, so ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie, die Grunow zusammen mit ihren Kolleginnen Katia Begall und Sandra Buchler im US-Journal of Marriage and Family veröffentlichte.

Die Untersuchung basiert auf Daten der Langzeiterhebung European Values Study (EVS), bei der Männer und Frauen in ganz Europa seit 1981 im Neun-Jahres-Rhythmus nach ihren Vorstellungen zu Familie, Arbeit, Religion, Politik und Gesellschaft befragt werden. An der Erhebungswelle von 2008 nahmen rund 1500 erwachsene Frauen und Männer pro Land teil. Aus dem dabei entstandenen riesigen Datenfundus wählte das Team um die Studienleiterin Daniela Grunow die Angaben von Personen aus acht Ländern und Regionen aus: Deutschland (West), Schweiz, Italien, Spanien, Tschechien, Polen, Schweden und die Niederlande.

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Rollenmuster und Familienpolitik

„Wir haben uns für diese Länder auch deshalb entschieden, weil sie unterschiedliche familienpolitische Ansätze repräsentieren“, sagt Grunow. Schweden etwa steht für die europaweit konsequenteste Gleichstellungspolitik in Beruf und Familie. Deutschland orientiert sich seit einigen Jahren am schwedischen Vorbild, unterstützt aber auch weiterhin traditionelle Rollenaufteilungen. In den übrigen Ländern fällt die staatliche Unterstützung für egalitäre Lösungen geringer aus. Was die Forscherinnen dabei besonders interessierte, waren die Wechselwirkungen zwischen Familienpolitik, Wertvorstellungen und individuellem Verhalten.

Dass dabei ein Spektrum unterschiedlicher Einstellungen zu berücksichtigen ist, wusste Daniela Grunow aus einer qualitativen Voruntersuchung. Dabei hatte sie zusammen mit Wissenschaftlern aus neun europäischen Ländern mehr als dreihundert Paare interviewt, die ein Kind erwarteten. Viele der befragten Partner trugen zum Zeitpunkt der Befragung gleichermaßen zum Familieneinkommen und zur Hausarbeit bei. Doch nicht selten gerieten egalitäre Überzeugungen und Praktiken wenig später ins Wanken, wie in einem demnächst erscheinenden Buch beschrieben wird: „Nach der Geburt des Kindes steckten auch beruflich sehr erfolgreiche Frauen zurück, um sich auf ihre Mutterrolle zu konzentrieren“, berichtet Grunow. Offenbar seien in dieser Situation tiefliegende Überzeugungen wirksam geworden, die sich dem bisherigen Instrumentarium der Familiensoziologie entzogen. Die kannte bis dahin nur die beiden Pole „egalitär“ und „traditionell“, um Geschlechterrollen zu beschreiben. „Aber dazwischen gibt es noch so viel mehr“, sagt Daniela Grunow, „und diese Dimensionen erfassen wir in unserer neuen Studie nun auch quantitativ.“

Es sind insgesamt fünf Gender-Ideologien, die das Forscherinnenteam in jedem der untersuchten europäischen Länder vorfand, erwartungsgemäß in unterschiedlicher Ausprägung. Innerhalb eines Landes zeigten Frauen und Männer ähnliche Präferenzmuster.

Egalitär liegt vorn

Europaweit die größte Zustimmung erhält mit knapp 43 Prozent die egalitäre Einstellung. Dabei sprechen sich etwas mehr Frauen als Männer für die partnerschaftliche Aufgabenteilung aus – genauso hatten es die Wissenschaftlerinnen vor der Datenanalyse vermutet.

Am anderen Ende der Skala weicht die „traditionelle“ Ideologie zunehmend zwei moderateren Einstellungen, die Frauen zwar primär in Haushalt und Familie, zugleich aber auch als Erwerbstätige sehen. Den stärksten Zuspruch erfährt das klassische Rollenbild komplett separater Sphären der Studie von westdeutschen Männern – 12 Prozent von ihnen plädieren dafür.

Zwischen den beiden Polen liegen multidimensionale Ideologien, die heutige Geschlechterverhältnisse in ihrer verwirrenden Widersprüchlichkeit abbilden. Da ist zum einen die Gruppe der „egalitären Essentialisten“, der insgesamt gut 22 Prozent der Befragten angehören. Für sie ist mütterliche Erwerbstätigkeit zwar akzeptabel, aber eigentlich sähen sie die Frauen lieber zu Hause bei ihren Kindern. Eine weitere, etwa gleichgroße Gruppe, ist dem Konzept „Intensive parenting“ verpflichtet: Diese Mütter und Väter kümmern sich gleichermaßen aufopfernd um ihren Nachwuchs. Für sie sind Kinder und Familie das Wichtigste im Leben; Erwerbstätigkeit ist sekundär. Daniela Grunow: „Von diesen beiden Ideologien überzeugte Paare fallen nach der Geburt von Kindern leichter in althergebrachte Rollenmuster zurück.“

Beim Ländervergleich zeigt sich die höchste Zustimmung zu egalitären Konzepten in Schweden (Frauen: 79 Prozent; Männer: 70 Prozent). Diese Einstellung passt sehr gut zur Familienpolitik des Landes – „wir sehen hier europaweit die höchste Übereinstimmung“, sagt die Leiterin der Studie. In Deutschland äußern sich 52 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer im Sinne der egalitären Ideologie, allerdings erhalten auch die beiden multidimensionalen Konzepte („Egalitarian  essentialism“ / “Intensive parenting“) viel Zuspruch. „Das korrespondiert mit der politischen Strategie, neben egalitären Ansätzen auch weiterhin traditionelle Rollenmuster zu fördern, etwa mit den Instrumenten Ehegattensplitting und Betreuungsgeld“, sagt Grunow.

Reif für einen neuen Kurs

In anderen europäischen Staaten, etwa in Spanien, seien egalitäre Ideologien weit verbreitet – auch wenn die passende Infrastruktur häufig noch fehle. Grunow: „In diesen Ländern ist das gesellschaftliche Meinungsklima bereit für eine egalitäre Familienpolitik.“

Mit ihren Ergebnissen reflektiert die Studie den Stand von 2008. Daher seien nun dringend weitere Untersuchungen erforderlich, sagt die Frankfurter Studienleiterin. „Wir würden zum Beispiel gern mehr über Väter und ihre Rolle zu Hause erfahren und darüber, wie erwerbstätige Paare sich die Familienarbeit tatsächlich aufteilen.“

Die vorliegende Studie könnte also der Auftakt zu einer ganzen Reihe kulturell aufschlussreicher und sozialpolitisch relevanter Untersuchungen sein.   Denn auch wenn seit Schillers Zeiten viel erreicht wurde: Abgeschlossen ist die europäische Gender-Revolution wohl noch lange nicht.

Von Lilo Berg

Studie: Grunow, Begall, Buchler: Gender Ideologies in Europe: A multidimensional framework, Journal of Marriage and Family (2018), DOI: 10.1111/jomf.12453

Bücher:

Daniela Grunow & Marie Evertsson: Couples' Transitions to Parenthood: Analysing Gender and Work in Europe. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing 2016

Daniela Grunow & Marie Evertsson: New Parents in Europe: Work–Care Practices, Gender Norms and Family Policies. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing, May 2019

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Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5