Früher war mehr Frust

Frauen, die im Nachhinein ihre Mutterschaft bereuen – das schien vor einiger Zeit ein Massenphänomen zu sein. Doch ist das wirklich so? Auch in Deutschland? Ein Forscherteam ging den Fragen nach und kam zu überraschenden Antworten.

Bei manchen begann das Unglück schon in der Schwangerschaft, bei anderen erst nach der Geburt ihrer Kinder: Im Rückblick bedauerten alle 23 Frauen, die die israelische Soziologin Orna Donath ausführlich befragt hatte, ihre Mutterschaft. Bei aller Liebe für ihre Kinder fühlten sie sich doch gefangen in einer traditionellen Rolle, in die sie meist unbedacht hineingeraten waren. Die 2015 erschienene Studie „Regretting Motherhood“ (Wikipedia-Eintrag) löste eine hitzige Diskussion aus – nicht nur in Israel, auch in vielen anderen Ländern.   

„In Deutschland schlugen die Wogen besonders hoch“, sagt Klaus Preisner (Foto), Soziologe an der Universität Zürich. Die Studie habe ein kulturell tief verankertes Mutterbild angegriffen, das die Aufopferung für den Nachwuchs zur Norm erhebt. Wer daran kratzte, sei damals schnell als kaltherzig und selbstsüchtig gebrandmarkt worden. Dennoch meldeten sich mit ihrer Mutterrolle hadernde Frauen auch hierzulande öffentlich zu Wort. „Da brach etwas auf, was lange ein Tabu gewesen war“, erinnert sich Preisner.   

Auf den Prüfstand gestellt

Doch war das Bedauern wirklich ein Massenphänomen? Vor allem in Deutschland, wo Mütter heute deutlich mehr Optionen haben als früher? Das waren Fragen, die sich der Zürcher Soziologe und seine in München und Paris tätigen Kollegen Franz Neuberger, Lukas Posselt und Fabian Kratz vor gut zwei Jahren stellten. „Wir haben dann beschlossen, die Wechselwirkungen zwischen Mutterschaft, Erwerbstätigkeit und Lebenszufriedenheit im Verlauf der letzten dreißig Jahre zu untersuchen“, berichtet Preisner.

Photo by Dan Burton on Unsplash

Das passende Datenmaterial lieferte das Sozioökonomische Panel (SOEP), eine bundesweite Repräsentativ-Erhebung, bei der seit 1984 im jährlichen Rhythmus immer wieder dieselben Personen und Familien befragt werden. Für seine Studie analysierte das Forscherteam die Angaben von mehr als 18.000 Frauen zwischen 16 und 45 Jahren im Zeitraum von 1984 bis 2015 mit einer neuen Methode. „Sie erlaubt es“, sagt Klaus Preisner, „die individuelle Zufriedenheit in ihrer zeitlichen Entwicklung und vor dem Hintergrund sich wandelnder sozialer Normen zu verstehen“.

Tatsächlich zeigen die Ergebnisse, dass Frauen hierzulande in früheren Jahrzehnten viel stärker unter den negativen Folgen der Mutterschaft litten als heute – die Zweifel des Forscherteams am universalen Mütterfrust waren also berechtigt. So hatten Studienteilnehmerinnen mit Kindern in den 1980er-Jahren verhaltener auf eine klassische SOEP-Frage („Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?“) geantwortet als kinderlose Frauen. Dieser sogenannte Parental Happiness Gap ist seither kleiner geworden und, was die Lebenszufriedenheit anbelangt, im Jahr 2015 erstmals ganz verschwunden. Seither geben mehr als 20 Prozent der Mütter eine sehr hohe und mehr als 70 Prozent eine hohe Lebenszufriedenheit an – bei kinderlosen Frauen war dies bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten der Fall.

Trügerische Norm

Diskrepanzen zeigen sich auch auf individueller Ebene.  In den Jahren nach der Erstgeburt sind Frauen inzwischen weitaus zufriedener mit ihrem Leben als in früheren Jahrzehnten. So hat sich in den 1980er-Jahren die Lebenszufriedenheit jeder zweiten Frau mit dem Übergang in die Elternschaft merklich verschlechtert und nur bei jeder vierten Frau verbessert – heute ist es genau umgekehrt. Und das obwohl früher deutlich mehr Menschen der Ansicht waren, dass Kinder zu einem glücklichen Leben gehören. Entgegen der gesellschaftlichen Norm, resümiert Klaus Preisner, habe die Hausfrauen- und Mutterrolle Frauen also nicht glücklicher gemacht – und ihr Fehlen kinderlose Frauen keineswegs unglücklicher: „Ihre Lebenszufriedenheit übertraf ja lange Zeit die von Müttern“. 

Als treibende Kraft haben Preisner und seine Kollegen den starken gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte ausgemacht. Er führte zu einer Erosion traditioneller Normen – in der Studie etwa ablesbar als  zunehmende Ablehnung eines SOEP-Kernsatzes: „Es ist für alle Beteiligten viel besser, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert“. Inzwischen ist es sozial erwünscht, wenn Mütter berufstätig sind und der Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung erleichtert ihnen die Entscheidung. Insgesamt sind Frauen viel freier in ihrer Lebensgestaltung und müssen auch nicht mehr Mutter werden, um gesellschaftlich anerkannt zu sein. Klaus Preisner: „Mit dem Nachlassen des normativen Drucks ist die Lebenszufriedenheit erkennbar gestiegen.“

Und wie geht es den Vätern?

Für viele Väter hat der Druck in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen. Von ihnen wird erwartet, dass sie ordentlich Geld nach Hause bringen, zunehmend sollen sie sich aber auch um Haushalt und Kinder kümmern. „Man könnte annehmen, dass Männer ihre Vaterschaft eher kritisch sehen“, sagt Klaus Preisner. Ein Regretting-Fatherhood-Trend zeichne sich jedoch nicht ab: „Die Daten zeigen, dass die meisten Familienväter sich in ihrer Rolle wohlfühlen“. Vielleicht liege das daran, vermutet Preisner, dass es Vätern oft gelinge, sich im großen Pensum der Familienarbeit die erfreulicheren Tätigkeiten zu sichern.  

Nicht publiziert hat das Forscherteam seine Erkenntnisse zu den Unterschieden zwischen West- und Ostdeutschland. Die Zahl der Befragten in den neuen Bundesländern reiche nicht aus, um wirklich belastbare Aussagen zu treffen, sagt Preisner. Bestimmte Tendenzen seien jedoch zu erkennen. Zu Beginn der 1990er-Jahre hätten Ostfrauen den Übergang in die Mutterschaft positiver bewertet als Frauen im Westen. Müttererwerbstätigkeit sei im Osten normal gewesen, die Hausfrauenehe weithin verpönt. Als dann die Jobs knapp wurden und die umfassende öffentliche Kinderbetreuung aus DDR-Zeiten wegfiel, seien Mütter im Osten zunehmend daheim geblieben. „Es setzte eine Verhausfrauisierung ein“, bringt Preisner den Trend auf den Punkt. Parallel dazu sanken die Zufriedenheitswerte der befragten Mütter. Sie stiegen wieder, als gegen Ende der 2000er-Jahre der Infrastrukturausbau in Gang kam – und das gesellschaftliche Klima sich in ganz Deutschland zugunsten von Frauen und Müttern wandelte.

Von Lilo Berg

Studie:

Preisner, Neuberger, Posselt, Kratz: Motherhood, Employment, and Life Satisfaction: Trends in Germany Between 1984 and 2015, Journal of Marriage and Family (2018). DOI. 10.1111/jomf.12518

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5