Kettenreaktion fürs Leben

Wie die Stiftung Haus der kleinen Forscher die Freude an den Naturwissenschaften weckt – in Kita, Hort und Grundschule. 

Eine Luftbrücke zwischen Ostsee und Alpenvorland ganz ohne Flugzeug? Wie das geht, zeigten Vorschulkinder beim „Tag der kleinen Forscher“ am 21. Juni. In ihren Kitas in Rostock und München bauten sie zunächst ihre eigene Kettenreaktion. Da wurden Dominosteine, Katapulte, Boote, Flummis, Klangröhren und Pauken benutzt und sogar eine Riesenraupe gebastelt – der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Um die beiden fertigen Installationen miteinander zu verbinden, schickten die Rostocker Steppkes viele bunte Luftballons in den Himmel und schon bald darauf zogen die Kinder in München ein Ballonbündel nach unten.

„Die Kinder haben alles genutzt, was sie umgibt, um diese tolle Kettenreaktion durch ihre Kita und dann quer durch Deutschland laufen zu lassen – ich bin begeistert von ihrem Forschergeist“, sagt Michael Fritz,  Vorstand der gemeinnützigen Stiftung Haus der kleinen Forscher. Die Berliner Institution veranstaltet den jährlich stattfindenden Mitmachtag, an dem sich zahlreiche Kitas, Horte und Grundschulen im ganzen Land beteiligen, und der gut zum übergeordneten Ziel der Stiftung passt: die Förderung guter früher Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, den sogenannten MINT-Disziplinen.

Aus dem kleinen Pilotprojekt, das 2006 in der Hauptstadt begann, ist inzwischen eine beachtliche Bewegung geworden, die sich der naturwissenschaftlichen Fortbildung von  pädagogischen Fach- und Lehrkräften im ganzen Bundesgebiet verschrieben hat. Entwickelt werden die entsprechenden Programme von knapp zweihundert Mitarbeitern in einem ehemaligen Fabrikgebäude in der Nähe des Ostbahnhofs. Hier laufen auch die Fäden für Wettbewerbe wie die jährliche Ausschreibung „Forschergeist“ für Kitas zusammen und hier  werden neue Bildungsmodule wie das für nachhaltige Entwicklung konzipiert. Außerdem wird von hier aus die Begleitforschung organisiert und eine Trainerakademie geführt, die den mehr als 650 Fortbildungskräften der Stiftung zur Verfügung steht.

© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher

© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher

Doch all das macht die Berliner Zentrale noch lange nicht zu einem Kleine-Forscher-Haus. Dieser  Titel ist den rund fünftausend Kitas, Horten und Grundschulen im Land vorbehalten, die ihre Qualifikation hinsichtlich innerer Einstellung, Dokumentation und Fortbildung nachweisen konnten und von der Stiftung ein Zertifikat erhielten.

Als „Haus der kleinen Forscher“ dürfen sich heute knapp zehn Prozent der rund fünfzigtausend Kitas, Kindergärten und Horte in Deutschland bezeichnen. Das klinge nach wenig, sagt Michael Fritz, doch der Effekt sei beachtlich: „Innerhalb weniger Jahre ist es uns gelungen, die Idee des forschenden Lernens in die Früh- und Elementarpädagogik zu tragen.“ Bestätigt wurde die Selbsteinschätzung kürzlich durch ein Gutachten des unabhängigen Beratungshauses Phineo, das der Stiftung eine Vorreiterrolle für die gesamt MINT-Bildung in Deutschland bescheinigt. Auf Bundesebene ist die Stiftung heute auf ihrem Gebiet der größte Akteur – mit einem flächendeckenden, stabilen Fortbildungssystem und, dank der Förderung durch Bund und private Spender, einem Jahresetat von 14 Millionen Euro.

Sich selbst bezeichnet Fritz als „Praktiker der Lernforschung“. Er arbeitete 17 Jahre als Lehrer, darunter einige Jahre als Leiter von Grund- und Hauptschulen.  Später unterstützte er den bekannten Psychiater und Buchautor (etwa „Digitale Demenz“) Manfred Spitzer beim Aufbau des  ZNL Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm, um Ergebnisse der Grundlagenforschung für die Schulpraxis fruchtbar zu machen. Im Jahr 2013 wechselte Michael Fritz nach Berlin und übernahm die Leitung der Stiftung.

Im Unterschied zum vehementen Digital-Kritiker Spitzer vertritt der Pädagoge Fritz eine pragmatische Position: „Computer sind heute überall, im Smartphone ebenso wie im Geschirrspüler: Da ist es doch nur folgerichtig, das Thema auch in der Arbeit mit Kindern aufzugreifen.“ Ähnlich sehen es offenbar die meisten Erzieherinnen und Erzieher: Einer 2017 veröffentlichten repräsentativen Umfrage zufolge sind 75 Prozent von ihnen für den Einsatz digitaler Medien in Kitas, um den verantwortungsvollen Umgang mit den Kindern üben zu können. Allerdings setzt weniger als die Hälfte der Betreuer diesen Vorsatz im Alltag um. Das habe mit der geringen technischen Ausstattung der Einrichtungen zu tun, sagt Michael Fritz, „aber auch die mangelnde Erfahrung im beruflichen Umgang mit digitalen Geräten macht sich hier bemerkbar“. Die Stiftung hat daher eine Fortbildung zur informatischen Bildung entwickelt – mit Ideen zum gemeinsamen Entdecken mit Kindern und Anregungen für die eigene digitale Praxis. Das Angebot werde gut angenommen, berichtet der Stiftungsvorstand: „Überhaupt kenne ich keinen Berufsstand, der so fortbildungswillig ist wie Erzieherinnen und Erzieher.“

Eltern seien in der Frage des frühen Umgangs mit Computern geteilter Meinung. „Ein Lager plädiert dafür, um die Zukunftschancen der Kinder zu erhöhen“, berichtet Fritz aus der täglichen Erfahrung, „das andere Lager ist dagegen und will, dass ihr Nachwuchs in der Kita vor allem singt, malt und spielt.“ © Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher

Mehrheitlich positiv gesehen werden hingegen naturwissenschaftliche und technische Bildungsangebote. Fritz: „Da hat der PISA-Schock sehr viel bewegt – heute ticken die Eltern in dieser Frage anders als vor 15, 20 Jahren.“ Das bessere Image der MINT-Bildung habe  auch mit ihrem günstigen Einfluss auf Selbstregulation und Sprachkompetenz zu tun – Effekte, die bereits durch einige wissenschaftliche Studien belegt seien. 

MINT-Angebote können aber auch Brücken bauen. Zum Beispiel zwischen Flüchtlingskindern und einheimischen Kindern. „Erfahren haben wir das in einer Berliner Willkommensklasse, in der Schüler mit zwölf unterschiedlichen Muttersprachen zusammenkamen“, berichtet Michael Fritz. Das habe aber kaum noch eine Rolle gespielt, als es darum ging, zusammen die Geheimnisse der Schwerkraft, zu erkunden. Die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen verständigt und seien durch das gemeinsame Tun rasch miteinander warm geworden. Solche Best-practice-Geschichten macht das Serviceportal Integration der Stiftung publik. Es vermittelt zudem rechtliche  Informationen und pädagogische Fortbildung und verzeichnet bis zu zehntausend Zugriffe pro Monat.

Insgesamt erreiche die Stiftung mit ihren Angeboten regelmäßig zwei Millionen Kinder, sagt Michael Fritz. „Ich mag MINT, ich kann MINT: Das sagen heute immer mehr Mädchen und Jungen und Erzieherinnen und Erzieher – genau das ist unser Ziel.“ Was die Arbeit der Stiftung im Detail bewirkt, möchte Fritz künftig verstärkt in wissenschaftlichen Studien erforschen, wobei ihn der Einfluss früher MINT-Bildung auf Sprach- und Handlungskompetenzen besonders interessiert. Ausgebaut werden soll der Bereich Blended Learning, der Online- und Präsenzfortbildung für pädagogische Fachkräfte miteinander verbindet und eine kontinuierliche Entwicklungsbegleitung ermöglicht. Für 2019 plant die Stiftung eine gezielte Ausweitung in Richtung Grundschulunterricht. Michael Fritz: „Aktuell nutzt bereits ein Viertel der Grundschulen unser Angebot, vor allem in der Ganztagsbetreuung, und das wollen wir weiter ausbauen.“ Gut möglich, dass dabei auch neue Luftbrücken entstehen – der nächste Sommeranfang wird es zeigen.

Von Lilo Berg

Stiftung Haus der kleinen Forscher

Tag der kleinen Forscher

Foto Startseite: © Marion Vogel - Stiftung Haus der kleinen Forscher

Fotos oben: © Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5