Aufbruch in Afrika

Was muss geschehen, um jungen Afrikanern eine lebenswerte Zukunft in ihrer Heimat zu ermöglichen? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Expertenrunde beim Berliner Demografie Forum 2018.

Afrika ist ein junger Kontinent. Von den 1,3 Milliarden Menschen, die dort leben, sind rund 60 Prozent jünger als 25 Jahre. Aufgrund der hohen Geburtenraten wird das auf absehbare Zeit auch so bleiben. Das gilt vor allem für die Länder südlich der Sahara: Dort bekommen Frauen im Schnitt fünf Kinder. Bis zum Jahr 2050, so schätzen die Vereinten Nationen, wird sich die afrikanische Bevölkerung auf gut 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln.

„Wir haben ein riesiges demografisches Potential, aber wie schaffen wir es, diesen Vorteil für uns zu nutzen?“ Mit dieser Frage brachte Kenedy F. Tumenta, Geschäftsführer und Mitgründer der African Business Information Bank, die Herausforderung bei einer Podiumsdiskussion während des jüngsten Berliner Demografie Forums (BDF) auf den Punkt. Inzwischen hätten zwar viele Afrikaner einen Bildungsabschluss, aber es fehle an Arbeitsplätzen. In seinem Heimatland Kamerun etwa seien drei Viertel der Männer und Frauen mit ordentlicher Schulbildung arbeitslos. „Wir müssen neue Wirtschaftszentren schaffen“, forderte der Manager, dessen Bank Unternehmensgründer und Investoren zusammenbringen will. 

„Was die jungen Afrikaner brauchen, sind Jobs mit angemessenen Löhnen“, pflichtete Claudia Warning der Einschätzung von Tumenta bei. Warning ist Abteilungsleiterin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und war zuvor viele Jahre bei der evangelischen Stiftung Brot für die Welt für internationale Programme zuständig. Gute Arbeit halte die Menschen in ihrem Herkunftsland und sei daher auch im Interesse Europas, betonte die Expertin für Entwicklungszusammenarbeit.

Bildung mit Perspektive

Bildung sei wichtig, sagte Claudia Warning, und der Bedarf sei in Afrika noch lange nicht gedeckt. „Aber Bildung ohne berufliche Perspektive ist einfach nicht genug“, so ihr Plädoyer. Wirtschaftliche Impulse benötigten vor allem die ländlichen Gebiete, wo mehr als zwei Drittel der Afrikaner leben, viele von ihnen in großer Armut.

Dreh- und Angelpunkt für Afrikas Zukunft, so Warning,  sei eine verantwortungsvolle Staatsführung, die demokratischen Grundrechten wie dem Recht auf freie Meinungsäußerung Geltung verschaffe. Ghana, Botswana und Mauritius befänden sich hier auf einem guten Weg, sagte Claudia Warning, wenig ermutigend sei die Lage in Somalia, Simbabwe und der Zentralafrikanischen Republik.

Mehr Frauenpower könnte eine Wende zum Besseren einleiten, sagte Thokozile Ruzvizdo, Direktorin bei der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. Sie warb auf dem Berliner Podium dafür, Frauen das Recht auf Grund und Boden zu gewähren – derzeit werde es ihnen vielerorts noch vorenthalten.  Ruzvizdo: „Frauen bewirtschaften das Land gut, denn sie wollen ihre Familien ernähren.“ Claudia Warning sprang ihr bei: „Ein entscheidender Faktor ist die Bildung, hier muss viel mehr für die Frauen getan werden.“

UN Photo/Hien Macline

UN Photo/Hien Macline

Später Mutter werden

Mit dieser Forderung verbindet sich auch die Hoffnung, das überbordende Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Denn je länger Mädchen und junge Frauen zur Schule gehen, desto älter sind sie in der Regel, wenn sie heiraten und Mütter werden. Gebildete Frauen wünschen sich meist weniger Nachwuchs und können diesen Wunsch auch leichter realisieren – weil sie zum Beispiel besser über Verhütungsmethoden informiert sind.

Kein einziges der aktuell rund 650 internationalen Entwicklungsprojekte von Brot für die Welt konzentriere sich auf Familienplanung, berichtete Claudia Warning aus ihrer früheren Tätigkeit. Das sei kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung: „Solche Programme allein sind keine Lösung, sie müssen gesellschaftlich eingebettet sein und brauchen ein funktionierendes Gesundheitssystem“. Das aber sei oft nicht der Fall. Warning setzt daher ganz auf die Hebelwirkung der Frauenbildung. Hier gebe es durchaus ermutigende Signale, berichtete Thokozile Ruzvizdo: „Mehr und mehr afrikanische Frauen fragen sich inzwischen, wie viel Nachwuchs sie wirklich wollen.“ Meist seien das deutlich weniger Kinder als jetzt und in spätestens einem Jahrzehnt werde sich das in der Geburtenrate zeigen.   

Bei der lebhaften Diskussion mit dem Publikum, das zu der Veranstaltung in die European School of Management und Technology (ESMT) im Berliner Zentrum gekommen war, ging es auch um das Entwicklungshemmnis  Korruption. „Ja, es stimmt“, sagte Thokozwile Ruzvizdo, „Afrika ist korrupt, aber der Rest der Welt lässt das zu.“ Die EU müsse verhindern, dass afrikanische Politiker ihr Schwarzgeld auf europäischen Konten bunkerten, forderte ein Diskussionsteilnehmer.  

Ein Auslandsjahr in Afrika

Ein weiteres Plädoyer aus dem Publikum galt dem Jugendaustausch. Man wisse viel zu wenig voneinander – ein Austauschprogramm zwischen afrikanischen und europäischen Ländern könne die Fremdheit verringern. Derzeit jedoch bevorzugen die meisten jungen Deutschen das Auslandsjahr in den USA oder Großbritannien und gehen nicht nach  Afrika  – mit Blick auf die berufliche Zukunft der jungen Leute sei das auch gut zu verstehen, gab eine Teilnehmerin zu bedenken.

Mehr Pflegepersonal aus Afrika könnte beiden Seiten helfen, den alternden Gesellschaften des Nordens und der jungen Bevölkerung Afrikas, so ein weiteres Argument. Der indische Bundesstaat Kerala entsende seit einem halben Jahrhundert Krankenschwestern ins Ausland und diese unterstützten  durch Geldtransfers ihre Familien zu Hause: Das Modell funktioniere prächtig, sagte Claudia Warning – warum es also nicht für Afrika übernehmen? Allerdings, so ein Einwand aus dem Plenum, müsse man dabei immer die Gefahr eines Care Drain im Auge behalten: So praktizierten im britischen Manchester inzwischen mehr ghanaische Ärzte als in Ghana selbst.

Auf eine denkwürdige Besonderheit hatte der tansanische Bankmanager Kenedy Tumenta gleich zu Beginn der Diskussion hingewiesen: „Wir diskutieren hier über die Zukunft Afrikas, aber für das, was man in Europa unter Zukunft versteht, fehlt in afrikanischen Sprachen der passende Begriff.“ Zukunft, das sei in seinem Sprachraum morgen, höchstens jedoch übermorgen. Für die Welt geht es jetzt um die Zeit danach.

Von Lilo Berg

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Foto oben: Photo ID 509486. 27/01/2012. Bongouanou, Côte d'Ivoire. © UN Photo/Hien Macline. www.unmultimedia.org/photo/

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5