Die Großeltern kommen

Manche jubeln, wenn das erste Enkelkind kommt, andere fremdeln mit der neuen Rolle: Was sie für die Familie und für moderne Gesellschaften bedeutet, wird zunehmend systematisch erforscht.

Der 1989 aufgestellte Rekord der Familie Bunge aus dem US-Bundesstaat Wisconsin dürfte so schnell nicht zu brechen sein: Bunges brachten es auf sieben gleichzeitig lebende Generationen, die von der 109 Jahre alten Stammmutter Augusta bis zu ihrem Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel reichten. Der Normalfall sind heute drei Generationen innerhalb einer Familie, aber auch Vier-Generationen-Konstellationen sind keine Seltenheit mehr. Anders als in früheren Zeiten ist es inzwischen also fast schon selbstverständlich, dass die Großeltern noch da sind. Welche Auswirkungen hat das auf die Familien? Und was bedeutet es in modernen Gesellschaften, deren Lebensformen sich rapide wandeln?

Es sind Fragen wie diese, mit denen sich die Großelternforschung beschäftigt. Sie begann in den 1950er-Jahren und seit gut einem Jahrzehnt  erlebt sie einen regelrechten Boom. Das habe auch mit einer Welle neuer Alternsstudien zu tun, die um die Jahrtausendwende in vielen Ländern an den Start gingen, schreibt ein Team um den Kölner Soziologen Karsten Hank jetzt in einem zusammenfassenden Beitrag im European Journal of Ageing. Das  goldene Zeitalter der Großelternforschung hat demnach gerade erst begonnen. Zwar wisse man schon einiges über Großeltern und das weltweite Miteinander der Generationen, heißt es in dem Aufsatz, doch sehr vieles sei noch zu klären.

Dabei geht es auch um die simple Frage nach dem Beginn der Großelternschaft. Während hierzu auf globaler Ebene kaum Daten vorliegen, ist für Deutschland die Antwort klar: Großmutter oder Großvater wird man im Schnitt mit etwa 53 Jahren. So heißt es in einer Analyse der Berliner Soziologin Katharina Mahne, die unter dem Titel „Zwischen Enkelglück und (Groß-)Elternpflicht“ erschienen ist. Mahne stützt sich dabei auf Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS), einer bundesweit repräsentativen Quer- und Längsschnittbefragung von Personen in der zweiten Lebenshälfte, die vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) koordiniert und ausgewertet wird.

Großmütter am aktivsten

Bei einem Vergleich mehrerer  DEAS-Erhebungen zwischen 1996 und 2014 zeigte sich, dass sich das Übergangsalter in die Großelternschaft allmählich nach oben verschiebt. Die mittlere Enkelzahl sinkt hingegen, so ein weiteres Ergebnis der Studie: Hatten Großeltern im Jahr 2008 durchschnittlich 3,2 Enkel, waren es sechs Jahre später lediglich 3 Enkel. Betreuungsaufgaben übernimmt immerhin knapp ein Drittel der Großeltern, wobei die Großmütter sich am meisten engagieren. Ein weiterer Trend: Immer häufiger sind betreuende Großeltern selbst noch erwerbstätig; 2014 war das bei knapp einem Viertel von ihnen der Fall.

Die meisten Großeltern hierzulande schätzen ihre Rolle als wichtig oder gar sehr wichtig ein. Dieser Befund gelte über alle sozialen Schichten hinweg, schreibt Katharina Mahne, und daran habe sich auch in Zeiten des sozialen Wandels nichts geändert. Die hohe Wertschätzung der Großelternrolle gehe, das zeigten die DEAS-Daten, einher mit häufigen Kontakten, emotional engen Beziehungen und seltenen Konflikten mit den Enkeln. Die Sozialwissenschaftlerin resümiert: „Die Beziehungen zu den Enkelkindern gehören zu den wichtigsten persönlichen Bindungen älter werdender Menschen.“

Doch was passiert, wenn Enkelkinder und Großeltern nicht leiblich miteinander verwandt sind, sondern, wie es immer häufiger geschieht, in Patchwork-Familien zusammenkommen? Hat diese Konstellation einen Einfluss auf die Einsatzbereitschaft von Großeltern? Dieser Frage gingen Forscher um den Psychologen Ralph Hertwig vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nach, indem sie umfangreiche Datensätze der europäischen SHARE-Studie zu Gesundheit, Altern und Rentenphase auswerteten.

Starke Gene

Was lange nur vermutet wurde, konnten Hertwig und seine Kollegen nach eigener Aussage erstmals nachweisen: Eine leibliche Verwandtschaft erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass Großeltern sich intensiv um ihre Enkel kümmern. So betreuen mehr als doppelt so viele biologische wie nicht-biologische Großeltern ihre Enkel auf täglicher Basis (8,8 vs. 3,8 Prozent). Erstaunlicherweise liegt der Anteil derjenigen, die keine Zeit in ihre Enkel investieren, in beiden Gruppen auf einem ähnlich hohen Niveau – und zwar bei rund 50 Prozent. Insgesamt zeige ihre Studie jedoch, dass nicht-leibliche Großeltern sich eher weniger um ihre Enkel kümmern, schreiben die Autoren.  Zwar gebe es durch die zunehmende Zahl von Scheidungen und Zweitfamiliengründungen oft mehr Großeltern in einer Familie, doch das bedeute nicht automatisch ein Plus an praktischer Unterstützung.

Auch wenn die genetische Verwandtschaft offenbar eine große Rolle spielt: Sie erklärt keineswegs alles, wie der beträchtliche Einsatz vieler Stief- und Wahlgroßeltern für ihre vom Schicksal zugeteilten Enkel zeigt. Um die Ursachen großelterlichen Investments in Gänze zu erfassen, sei ein interdisziplinärer Ansatz erforderlich, schreibt ein Forscherteam um Ralph Hertwig in einer neuen Studie. Die Wissenschaftler führen darin Erklärungsmuster aus Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Evolutionsbiologie zusammen und stellen deren Annahmen auf den Prüfstand.

Zum Beispiel die Großmutter-Hypothese. Sie kommt aus der Evolutionsbiologie und weist Frauen nach den Wechseljahren wichtige Aufgaben für den Fortbestand ihres Clans zu: Indem sie sich um den Nachwuchs ihrer Kinder kümmern, so die Theorie, sichern sie ihren eigenen Fortpflanzungserfolg und erhöhen somit ihre biologische Gesamtfitness. Tatsächlich belegen viele Studien ein starkes großmütterliches Engagement, wobei vor allem die Mutter der Kindsmutter aktiv wird, gefolgt zuerst von deren Vater, dann von der Mutter des Kindsvaters und zuletzt von dessen Vater. „Dass die Großmutter mütterlicherseits am meisten investiert, zählt zu den stabilsten Befunden auf diesem Gebiet“, resümiert Ralph Hertwig.

Der Einsatz scheint sich zu lohnen, wie aus einer zusammenfassenden Untersuchung von Rebecca Sear und Ruth Mace aus dem Jahr 2008 hervorgeht. Gut zwei Drittel der analysierten Studien zu historischen und zeitgenössischen Gesellschaften ohne Geburtenkontrolle wiesen einen Überlebensvorteil für die Enkelgeneration nach, wenn die Großmutter mütterlicherseits präsent war. Auch Großmütter väterlicherseits können einen positiven Einfluss haben, allerdings in geringerem Ausmaß. Für die Großväter beider Seiten fielen die Werte noch niedriger aus.

Neue Rolle für Großväter

Apropos Großväter: Für sie zeichne sich gerade eine neue Rolle ab, sagt Ralph Hertwig. So profitieren Heranwachsende in Familien mit alleinerziehenden Müttern offenbar davon, wenn ein Großvater zugegen ist. Durch seinen Einfluss bessert sich nicht nur das Verhalten der Kinder, sondern auch und ihr Umgang mit Gefühlen, wie mehrere Studien belegen. Hertwig: „Das könnte eine neue Aufgabe für Großväter in modernen Gesellschaften sein.“  

Wohnen die eigenen Großeltern weit weg, schlägt die Stunde der Vermittlungsagenturen. Ein Beispiel ist die Oma-Opa-Vermittlung im  Frankfurter Familienzentrum Monikahaus, das junge Familien und alleinerziehende Elternteile mit ehrenamtlichen Großeltern  zusammenbringt. „So ist das heutzutage“, zitiert die Betreuerin des Vermittlungsdienstes, Helga Mikuszeit, ein älteres Paar: „Wir haben drei gut ausgebildete Kinder, denen ihr Beruf so wichtig ist, dass sie keine Zeit zum Kinderkriegen haben und wir somit nicht Oma und Opa werden können.“ Die beiden bewarben sich bei der Agentur, absolvierten eine Begutachtung und warteten zum Zeitpunkt des Interviews auf ihr Enkelkind. Noch übersteige die Nachfrage nach ehrenamtlichen Großeltern das Angebot, berichtet Mikuszeit – sie sei weitaus stärker, als man zunächst erwartet habe.   

Wo keine eigenen Kinder sind, kommen auch keine leiblichen Enkel – das betrifft gerade in Deutschland immer mehr ältere Menschen. Was der Verzicht auf eine traditionelle soziale Rolle für sie bedeutet  und wie sie mit der Situation umgehen, sollte in künftigen Studien stärker erforscht werden, empfiehlt Karsten Hank. Forschungsbedarf gebe es auch hinsichtlich der Aufgabenteilung von Großmüttern und Großvätern bei der Enkel-Fürsorge. Auch für die Politikberatung seien solche Erkenntnisse wichtig. Viel zu wenig wisse man zudem über den Einfluss der wachsenden Gruppe von Urgroßeltern auf jüngere Generationen. Es müssen ja nicht immer so viele sein wie bei Augusta Bunge und ihren Nachfahren im Norden Amerikas.   

Von Lilo Berg

Literatur:

Karsten Hank et.al. (2018): What do we know about grandparents? Insights from current quantitative data and identification of future data needs

Katharina Mahne, et.al. (2016): Großelternschaft – im Fokus von Forschung und freiwilligem Engagement

David A. Coall, Sonja Hilbrand, Ralph Hertwig (2014): Predictors of Grandparental Investment Decisions in Contemporary Europe: Biological Relatedness and Beyond

David A. Coall, Sonja Hilbrand, Ralph Hertwig, Rebecca Sear, Ralph Hertwig (2018): Interdisciplinary perspectives on grandparental investment: a journey towards causality

Rebecca Sear, Ruth Mace (2008): Who keeps children alive? A review of the effects of kin on child survival

Foto Startseite: futurestreet 2010 (CC BY-NC 2.0) via Flickr https://flic.kr/p/8oioeh

Foto oben: Sandor Weisz 2009 via Flickr (https://flic.kr/p/6CfRwi) (Lizenz CC BY-NC 2.0)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5