„Diesmal muss es klappen“

Die Wurzeln von Gesundheit und Krankheit liegen oft in der Kindheit. Um verborgene Zusammenhänge zu erkunden  und medizinisch nutzbar zu machen, fordern Kinder- und Jugendärzte mehr Forschung in ihrem Fachgebiet. Sie haben ein Positionspapier verfasst, dessen Ziele die Heidelberger Wissenschaftlerin Annette Grüters-Kieslich hier erläutert.

Frau Professor Grüters-Kieslich, Sie setzen sich gemeinsam mit ihren Kollegen für mehr Forschung in der Kinder- und Jugendmedizin ein. Gibt es dafür einen bestimmten Anlass?

Mit unserem Positionspapier reagieren wir auf die aktuellen Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung. In dem Papier geht es auch um die Gründung neuer Forschungszentren. Hier rät der Wissenschaftsrat, sich am gesellschaftlichen Bedarf zu orientieren und dabei die Krankheiten besonderer Patientengruppen zu adressieren, etwa die von Kindern und Jugendlichen. Mit unserem Positionspapier liefern wir jetzt die inhaltliche Begründung für ein künftiges Deutsches Forschungszentrum für Kinder- und Jugendmedizin.

Die entscheidende Voraussetzung für eine Neugründung ist nach Auffassung des Wissenschaftsrates die wissenschaftliche Reife, also der Entwicklungsstand eines Forschungsgebietes. Erfüllt die deutsche Kinder- und Jugendmedizin dieses Kriterium?

Eindeutig ja. Die Forschungserfolge der hiesigen Kinder- und Jugendmedizin sind international anerkannt. Ein gutes Beispiel ist das Neugeborenenscreening, das die Frühdiagnose und Frühbehandlung von Krankheiten ermöglicht und hierzulande schon mehr als 15 000 Babys vor bleibenden Schäden bewahrt hat. Deutsche Kinder- und Jugendärzte haben entscheidend zur Entwicklung dieser wichtigen und inzwischen weltweit praktizierten Präventionsmaßnahme beigetragen. Den Forschungsbeiträgen von Pädiatern ist es auch zu verdanken, dass Kinder mit bestimmten angeborenen Formen extremen Übergewichts heute wirksam geheilt werden können: Durch die Gabe eines fehlenden Hormons normalisiert sich ihr Gewicht und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Folgekrankheiten sinkt dramatisch. Diese Therapie  kann künftig vielleicht auch erwachsenen Patienten mit Adipositas helfen, zumindest als unterstützende Maßnahme.

Gibt es weitere Beispiele?

Sehr beeindruckend sind die Fortschritte in der Kinderonkologie. Von zehn jungen Krebspatienten werden in Deutschland heute acht dauerhaft geheilt. Möglich ist dieser Erfolg nur, weil fast alle Betroffenen innerhalb klinischer Studien nach höchsten Qualitätsstandards behandelt werden. Neue Erkenntnisse aus der Forschung kommen zügig den Patienten zugute – auch dafür sorgen wir Kinder- und Jugendmediziner.

Bisher hat die universitäre Forschung für Fortschritte in der Kinder- und Jugendmedizin gesorgt. Warum brauchen wir jetzt ein übergeordnetes Forschungszentrum?

Weil die pädiatrische Forschung an den chronisch unterfinanzierten Universitätskliniken stark zurückgeschnitten wurde. Sie hat längst nicht mehr die fachliche Breite, die ich noch aus meiner Ausbildungszeit kenne. Das hat auch Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Aus Geldmangel beschäftigen viele  Universitätskliniken  Kinderärzte überwiegend in der Intensiv- und Notfallmedizin, etwa auf Frühgeborenen-Stationen oder in der Onkologie. Diese jungen Kolleginnen und Kollegen interessieren sich genauso stark für die Forschung wie frühere Ärztegenerationen – das weiß ich aus Erfahrung. Doch ihnen fehlen oft schlicht die Zeit und die Mittel dafür. Um weiterhin international mithalten zu können brauchen wir daher dringend eine Bündelung der vorhandenen Kräfte. Genau das versprechen wir uns von einem Deutschen Forschungszentrum für Kinder- und Jugendmedizin.

Gibt es Vorbilder im Ausland?

Weltweite Ausstrahlung hat zum Beispiel das National Institute of Child Health and Human Development in den USA. Auch aus dem Great Ormond Street Institute of Child Health in London und dem schwedischen Karolinska-Institut kommen wichtige Impulse. Diese Institutionen verfügen über die erforderliche Expertise und Ausstattung, um die Forschung in der Kinder- und Jugendmedizin deutlich voranzubringen.

Wo sehen Sie derzeit den größten Forschungsbedarf?

In unserem Diskussionspapier greifen wir einige Fragen heraus, die entscheidend für die Zukunft sind. Viel zu wenig wissen wir zum Beispiel über die molekularen Grundlagen menschlicher Entwicklung im Mutterleib und nach der Geburt. Eine verstärkte Grundlagenforschung könnte hier zu wirksamen Präventionsstrategien und Therapien führen. Was hemmt die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Was genau macht sie krank? Das sind weitere wichtige Fragen,  mit denen wir uns beschäftigen wollen. Bisher wissen wir eigentlich nur, dass die Krankheitsmechanismen im Kinder- und Jugendalter sich von denen im Erwachsenenalter unterscheiden. Forschungsbedarf besteht auch bei den seltenen Erkrankungen, von denen in Deutschland mehr als eine Million Kinder betroffen sind. Die Ergebnisse können, wie am Beispiel der Adipositas bereits erwähnt, auch das Verständnis und die Therapie häufiger Erkrankungen verbessern.

Die genannten Themen berühren auch Fachbereiche jenseits der Kinderheilkunde. Inwiefern wollen Sie andere Spezialisten einbeziehen?

Wir werden unsere Ziele nur durch Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen erreichen, das ist ganz klar. Kooperationen spielen eine ganz große Rolle, insbesondere mit der Pränatal- und Geburtsmedizin, der Humangenetik, Molekulargenetik und Zellbiologie.

Immer wieder wird beklagt, dass Kinder und Jugendliche mit Medikamenten behandelt werden, die Pharmahersteller in Studien mit Erwachsenen getestet haben. Wollen Sie daran etwas ändern?

Ja, denn streng genommen handelt es sich heute bei vielen Behandlungen von Kindern nach wie vor um Off-label-use, also um den Gebrauch von Arzneimitteln außerhalb der behördlichen Zulassung. Zum Nachweis ihrer Wirksamkeit und Sicherheit auch bei jungen Patienten benötigen wir dringend mehr Studien mit Kindern für Kinder. Die erforderliche Infrastruktur kann ein Deutsches Forschungszentrum für Kinder- und Jugendmedizin bereitstellen – wir müssen bei diesem Thema nicht länger auf die Pharmaindustrie warten.

Schulstress, Hyperaktivität, Mobbing: Welche Rolle spielen psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen im Aufgabenkatalog Ihres Zentrums?

Sobald es um konkrete Forschungsfragen geht, beschäftigen wir uns gern damit – selbstverständlich in Kooperation mit spezialisierten  Psychologen und Psychiatern. Das ist sicher im Sinn von Gesellschaft und Politik, die an diesen Themen großes Interesse haben müssen.  

Auch andere medizinische Disziplinen wollen ein eigenes Forschungszentrum. Werden die Kinderärzte diesmal zum Zug kommen?

Tatsächlich habe ich schon vor zehn Jahren ein pädiatrisches Forschungszentrum gefordert, damals als Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Im Bundesforschungsministerium (BMBF) kam die Idee gut an. Doch dann wurde entschieden, sich bei den ersten Gesundheitszentren auf Volkskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz zu beschränken. Durch die Stellungnahme des Wissenschaftsrats bietet sich uns jetzt eine  realistische neue Chance. Und diesmal muss es klappen. Denn die Kinder von heute sollen als Erwachsene von morgen langfristig von den Innovationen der Forschung profitieren.

Gibt es schon konkrete Vorstellungen zur Gestaltung?

Alle bedeutenden universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf unserem Gebiet werden sich beteiligen, so viel ist klar. Detaillierte Planungen sind erst dann sinnvoll, wenn das BMBF grünes Licht gibt.

Interview: Lilo Berg

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Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich ist Leitende Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Heidelberg. Die Kinder- und Jugendärztin fungiert zudem als  Senatorin der Sektion Gynäkologie und Pädiatrie der Leopoldina. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen seltene angeborene Entwicklungsstörungen sowie die Krankheitsmechanismen und Behandlungsmöglichkeiten seltener Adipositasformen im Kindesalter.

Mitgliedsprofil in der Leopoldina

Foto: Universitätsklinikum Heidelberg, Fotograf: H. Schröder

Diskussionspapier „Zukunftsfragen für die Forschung in der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland“ zum Download

Foto Startseite: Techniker Krankenkasse via Flickr https://flic.kr/p/abrCnj (CC BY-NC-ND 2.0)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5