„Wir sind mehr als Babys”

Schon Säuglinge können gute von schlechten Verhaltensweisen unterscheiden. Das geht aus experimentellen Studien hervor, für die der amerikanische Psychologe Paul Bloom jetzt ausgezeichnet wurde.  

Foto: Jacobs Foundation

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Wie entwickelt sich das Verständnis von Gut und Böse bei Kindern? Kommt der Mensch mit einem Gefühl für Gerechtigkeit zur Welt oder muss er es erst erlernen? Das sind Fragen, die Paul Bloom seit vielen Jahren beschäftigen. Mit den Ergebnissen seiner Laborversuche zur Moralentwicklung machte der Professor für Psychologie und Kognitionswissenschaft an der Yale University und bekannte Sachbuchautor weltweit auf sich aufmerksam. Die Züricher Jacobs Foundation würdigt die gemäß Preisbegründung „herausragende Forschungsleistung von hoher sozialer Relevanz“ nun mit dem Klaus J. Jacobs Research Prize 2017 und einer Dotation von einer Million Schweizer Franken.

Wie sich ethische Grundeinstellungen herausbilden, sei von großer Bedeutung für die Förderung der Moralentwicklung, schreibt die Schweizer Bildungsstiftung. „Es hat auch tiefgreifende Folgen dafür, wie wir Interventionsprogramme einsetzen, um gerechtere und fairere Gemeinschaften aufzubauen.“ Paul Blooms Erkenntnisse seien daher bedeutsam für Psychologen, Kliniker und politische Entscheidungsträger.

Figuren im Widerstreit

Ausgangspunkt sind die Experimente im Yale Infant Cognition Center, das Blooms Ehefrau und Kollegin Karen Wynn leitet.  In einem Versuch zeigte das Team um die beiden Wissenschaftler Babys kurze Szenen, in denen eine Figur ein Ziel erreichen will. Während diese zum Beispiel versucht, einen Hügel zu besteigen, wird sie von einer zweiten Figur unterstützt, von einer dritten Figur jedoch behindert. Nachdem die Babys die Szene beobachtet hatten, nahmen selbst die jüngsten, nur drei Monate alten Testbabys lieber Kontakt mit der „guten Figur“ als mit der „bösen Figur“ auf. In anderen Experimenten konnten etwa ein Jahr alte Kleinkinder Belohnungen verteilen oder wegnehmen: Sie belohnten in der Regel die hilfreiche und bestraften die behindernde Figur.

Photo by Larm Rmah on Unsplash„Grundlegende Moralvorstellungen werden nicht erlernt“, folgert Paul Bloom aus seinen Versuchen, „sie sind vielmehr das Ergebnis biologischer Evolution.“ Widerlegen seine Ergebnisse also große Denker wie John Locke oder Sigmund Freud, die das Neugeborene als unbeschriebenes Blatt verstanden, dem die Kultur ihren moralischen Stempel aufprägen kann? „Ganz unrecht hatten sie nicht“, räumt der Yale-Professor ein. Schließlich sei das angeborene Grundempfinden für Gut und Böse weit entfernt von einem ausgereiften Moralverständnis, wie es sich nur mit den Jahren entwickeln könne. „Erziehung und Bildung spielen hier eine große Rolle“, sagt Paul Bloom, „und man kann gar nicht früh genug damit anfangen.“

Ein Selbstläufer ist das Moralempfinden keineswegs: Auch das geht aus den Bloomschen Experimenten hervor. Sie offenbaren nicht nur die erstaunlichen Fähigkeiten der Babys, sondern auch ihre ausgeprägte Reserviertheit Fremden gegenüber. In der Regel bevorzugen die Kleinen bekannte Menschen und teilen die Welt instinktiv in „wir“ gegen „sie“ ein. Die Vorstellung, dass alle Menschen einen moralischen Wert besitzen und über die gleichen Rechte verfügen sollten, ist also keineswegs angeboren.

Kraft des Denkens

Um ein reifes ethisches Bewusstsein zu entwickeln, müsse der Mensch sein angeborenes Moralempfinden transzendieren, so die Schlussfolgerung von Paul Bloom. „Wir sind schließlich mehr als Babys“, sagt er und verweist auf das sich im Lauf des Lebens entfaltende rationale Denken. Kraft dessen habe man im Lauf der Geschichte erkannt, dass Sklaverei, Rassismus und Sexismus falsch seien. Was gesellschaftlich möglich sei, stehe auch in der Macht jedes Einzelnen. „Zwar werden wir Fremde nie wie unsere eigenen Kinder lieben“, räumt der US-Psychologe ein. Aber Recht und Gesetz sollten für sie ebenso gelten wie für uns.

Photo by Kevin Gent on UnsplashAuf den Verstand setzt Paul Bloom auch beim Thema Empathie, mit dem er sich in jüngerer Zeit wissenschaftlich auseinandersetzt. „Wer empathisch ist, versetzt sich in die Lage eines anderen und kann sogar dessen Schmerz spüren”, sagt der US-Psychologe. Viele Menschen glaubten sogar, dass die emotionale Empathie, wie Bloom sie nennt, den Menschen besser mache.  Bewiesen sei jedoch, dass wir uns eher in andere einfühlen, die wir attraktiv finden oder in jene, die aussehen wie wir oder zur selben ethnischen Gruppe oder Nation gehören. Blooms Schlussfolgerung: „Moralische und politische Entscheidungen fallen in der Regel fairer aus, wenn keine Empathie im Spiel ist.“ Er schlägt daher vor, Empathie durch rationales Mitgefühl zu ersetzen. Das bedeutet, dass wir uns um andere Menschen sorgen, aber dennoch nüchtern abwägen, wie sich ein möglichst gerechtes Ergebnis erzielen lässt.

Was andere sagen

Die Öffentlichkeit reagiere unterschiedlich auf seine Thesen, berichtet der Psychologieprofessor. Er ernte viel Zustimmung, wenn er die Ergebnisse seiner Baby-Studien vortrage, etwa bei Lesungen aus seinem 2013 erschienenen Buch „Just Babies“. Beim Thema Empathie seien die Leute zunächst oft skeptisch, weil sie fest an die positive Kraft der Einfühlung glaubten. Bloom: „Beim Austausch der Argumente kann ich einige von ihnen dann doch überzeugen.“

Unter den Fachkollegen setzt sich etwa der Psychologie-Professor Simon Baron-Cohen von der Cambridge University kritisch mit dem Postulat eines angeborenen Moralempfindens auseinander. Dafür seien robustere Beweise nötig als die von Paul Bloom vorgestellten, schreibt Baron-Cohen in der New York Times – etwa Verhaltensbeobachtungen vom ersten Lebenstag an oder genetische Daten.

Genstudien seien vorerst jedoch nicht geplant, wie Paul Bloom berichtet. Das Preisgeld aus Zürich will er dafür verwenden, die begonnenen Studien fortzusetzen. Ihn interessiert zum Beispiel, wann Kinder ein moralisches Empfinden für Lügen oder Täuschungen entwickeln. Er will auch herausfinden, wie das Pflichtgefühl entsteht und was dazu führt, dass wir jenen helfen wollen, die nicht zum Familien- oder Freundeskreis zählen. Gespannt sein darf man auch auf die Ergebnisse geplanter Längsschnittstudien: Darin will Paul Bloom untersuchen, wie die sozialen und kognitiven Fähigkeiten im Baby-Alter mit dem Moralgefühl derselben Person im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Von Lilo Berg

Publikationen:

JJ Jordan, M Hoffman, P Bloom, DG Rand (2016): Third-party punishment as a costly signal of trustworthiness. Nature 530 (7591), 473-476.

P Bloom (2017): Empathy and its discontents. Trends in Cognitive Sciences 21 (1), 24-31.

Bloom P (2017): Empathy's perilous pull. New Scientist 233 (3111), 24-25.

Kritische Rezension in der New York Times (2013)

Sachbücher:

Bloom, Paul (2016): Against Empathy – The Case for Rational Compassion, Ecco

Bloom, Paul (2013): Just Babies – The Origins of Good and Evil, The Crown Publishing Group

Foto Startseite: by Todd Cravens on Unsplash

Foto oben: by Larm Rmah on Unsplash (ganz oben)/ by Kevin Gent on Unsplash (zweites von oben)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5