„Der deutsche Mittelweg reicht nicht mehr“

Ein Fortpflanzungsmedizingesetz für Deutschland fordern renommierte Experten in einem neuen Diskussionspapier der Leopoldina. Warum die bisherigen Regeln nicht mehr ausreichen, erläutert der Heidelberger Reproduktionsmediziner Thomas Strowitzki.

Herr Professor Strowitzki, als Mitglied einer Gruppe von Juristen, Ethikern und Medizinern machen Sie sich für ein neues Fortpflanzungsmedizinrecht stark. Weshalb ist diese Reform dringend geboten, wie es im Positionspapier heißt?

© Universität Heidelberg

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Weil das für diesen Bereich gültige Embryonenschutzgesetz von 1990 längst vom medizinischen Fortschritt überholt wurde. Es ist lückenhaft und setzt Frauen, Paare und Kinder unnötigen Risiken aus.

Gibt es dafür ein Beispiel aus Ihrer ärztlichen Praxis?

Ein besonders prägnantes Beispiel sind die Mehrlingsschwangerschaften, die mit einer Frühgeburt enden. Nicht selten tragen die Kinder langfristige gesundheitliche Schäden davon. Solche Schwangerschaften werden heute in vielen europäischen Ländern vermieden, indem von mehreren Embryonen, die bei einer In-vitro-Fertilisation entstanden sind, nur derjenige mit dem größten Entwicklungspotential übertragen wird. Die übrigen Embryonen werden verworfen. Das Embryonenschutzgesetz wertet das als unzulässige Erzeugung überzähliger Embryonen und stellt den elektiven Single-Embryo-Transfer, so der Fachbegriff, unter Strafe. In unserem Positionspapier plädieren wir für die Genehmigung dieser überaus vernünftigen Methode auch in Deutschland. 

Sie weisen auch auf Lücken, Widersprüche und Ungerechtigkeiten im geltenden Regelwerk hin. Was müsste hier geändert werden?

Derzeit ist die Spende von Samenzellen in Deutschland erlaubt, die Spende von Eizellen aber nicht. Unfruchtbare Männer können also mit Hilfe einer Samenspende eine Familie gründen, doch Frauen, die etwa aufgrund einer Krebserkrankung keine Eizellen mehr bilden können, bleibt dies verwehrt. Das ist ungerecht und widerspricht der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung von Mann und Frau. Inzwischen nutzen viele Paare eine Eizellspende im Ausland. Weil diese in vielen Ländern jedoch anonym erfolgt, kann das Kind später seine Abstammung nicht vollständig rekonstruieren – so wie es die deutsche Verfassung eigentlich vorsieht. Es spricht also vieles für eine baldige Zulassung der Eizellspende hierzulande und dafür treten wir ein.

Gibt es etwas, was Ihnen in der klinischen Praxis besonders zu schaffen macht?

Ja, was wir dringend brauchen, sind Rahmenbedingungen für eingefrorene Eizellen. Derzeit werden Eizellen oftmals konserviert, um Frauen aus medizinischen oder sozialen Gründen eine spätere Schwangerschaft zu ermöglichen. Doch weil ihre Aufbewahrung, Befruchtung und Übertragung kaum geregelt ist, kommt es heute immer wieder zu Problemen.

Besonders umstritten ist die Leihmutterschaft. Welche Position vertreten Sie und Ihre Kollegen in dieser Frage?

Die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft ist ethisch und rechtlich enorm schwierig zu beurteilen. Im Diskussionspapier  sprechen wir uns weder dagegen noch dafür aus. Was wir jedoch fordern, sind rechtliche Regelungen für die im Ausland von einer Leihmutter geborenen und dann in Deutschland aufwachsenden Kinder. Für deren Wohl ist eine eindeutige Eltern-Kind-Zuordnung wichtig und die ist heute in vielen Fällen nicht gegeben.

Wie kommen Sie im reproduktionsmedizinischen Alltag mit einem derart unzureichenden rechtlichen Rahmen klar?

Im Laufe der Jahre hat sich eine liberale Lesart des Embryonenschutzgesetzes durchgesetzt, der sogenannte deutsche Mittelweg. Er erlaubt pragmatische Lösungen zum Wohl der betroffenen Familien. So werden heute beispielsweise nur noch zwei befruchtete Eizellen übertragen, um extrem belastende Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden. Dabei suchen wir die äußerlich am gesündesten erscheinenden Embryonen aus und verwerfen diejenigen, die sich nicht korrekt entwickelt haben. Sie sind nicht absichtlich erzeugt worden und deshalb geraten wir nicht in Konflikt mit der Justiz. Wir kommen also zurecht, aber angesichts der neuen medizinischen Möglichkeiten reicht der deutsche Mittelweg nicht mehr aus.

Gefordert wird ein Fortpflanzungsmedizingesetz seit Langem und von vielen Seiten, doch der Gesetzgeber reagiert nicht. Warum?

Das ist ein heißes Eisen und die meisten Politiker wollen sich daran nicht die Finger verbrennen. Es ist wie beim Tempolimit auf Autobahnen: Wer sich dafür einsetzt, macht sich nicht allzu viele Freunde, bringt aber mit Sicherheit größere Wählergruppen gegen sich auf.

Welche Gruppen sind das?

Konservative Kreise, die mit dem liberalen gesellschaftlichen Kurs nicht einverstanden sind. Wie die Kirchen sich verhalten, lässt sich meiner Ansicht nach nicht klar vorhersagen: So ist die künstliche Befruchtung für Katholiken eigentlich verboten, aber sie wird trotzdem praktiziert – und vom Klerus geduldet.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Diskussionspapier?

Sehr gut. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen und die Medien berichten ausgesprochen wohlwollend darüber. Auf unserer Seite sind auch die großen medizinischen Fachgesellschaften. Die Zeit scheint reif zu sein für dieses Gesetz.

Rechnen Sie in dieser Legislaturperiode damit?

Offen gesagt, nein. Die Politik hat so viele andere Baustellen und es geht ja jetzt auch irgendwie. Wir werden uns wohl weiter durchwursteln müssen.

Sie engagieren sich auch in internationalen Fachgesellschaften. Wie wird die deutsche Situation von außen gesehen?

In meiner europäischen Fachgesellschaft, der European Society of Human Reproduction and Embryology, beobachtet man den deutschen Weg mit Kopfschütteln. Für die Kollegen passt die liberale gesellschaftliche Entwicklung in unserem Land überhaupt nicht zu einem restriktiven Regelwerk wie dem Embryonenschutzgesetz. Zumal die Nachbarländer Schweiz und Österreich schon vor einigen Jahren vorangegangen sind und über moderne Fortpflanzungsmedizingesetze verfügen. Wir deutschen Ärzte werden da regelrecht bemitleidet.

Dabei steigt die Nachfrage nach Fortpflanzungsmedizin, wie es im Diskussionspapier heißt. Wird dieser Trend anhalten?

Derzeit haben wir in Deutschland rund 80 000 In-vitro-Fertilisationen pro Jahr. Das Durchschnittsalter der behandelten Frauen liegt bei 35 Jahren und ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren sehr stark ansteigen wird. Von dieser Seite rechne ich also höchstens mit einem leichten Anstieg der Nachfrage. Deutlich erhöhen könnte sie sich, wenn es gelingt, die Fertilitätsrate stark nach oben zu treiben: Derzeit werden etwas mehr als 30 Prozent der künstlich befruchteten Frauen schwanger, was der Rate gesunder Frauen mit Ende Zwanzig entspricht.  

Sind entsprechende Neuerungen aus der Forschung zu erwarten?

Wir werden in den nächsten Jahren sehr viel mehr über die Mechanismen erfahren, die das Einnisten der befruchteten Eizelle im Mutterleib steuern. Sie sind für die Entwicklung einer Schwangerschaft von elementarer Bedeutung. Schon bald werden wir komplette Genprofile künstlich erzeugter Embryonen erstellen können, ohne ihnen zu schaden – einfach indem wir bestimmte Faktoren in der Petrischale untersuchen. Und in zwanzig Jahren wird es vielleicht möglich sein, Samenzellen und Eizellen aus Stammzellen herzustellen.  

Interview: Lilo Berg

Prof. Dr. Thomas Strowitzki ist Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen am Universitätsklinikum Heidelberg.

Leopoldina-Diskussionspapier „Ein Fortpflanzungsmedizingesetz für Deutschland“ (pdf)

Foto Startseite: Photo by Dakota Corbin on Unsplash

Foto Strowitzki: © Universität Heidelberg

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5