Lustlos auf der Insel

Fast die Hälfte der japanischen Ehepaare lebt ohne Sex zusammen. Und mehr als die Hälfte der unverheirateten jungen Leute hatte noch nie Sex. Eine Nation in der libidinösen Abwärtsspirale? Oder kündigt sich hier gar ein neuer globaler Trend an?

Alle zwei Jahre gibt die regierungsnahe Familienplanungsorganisation Japans aktuelle Daten zum Sexualverhalten der Bevölkerung heraus. Die Anfang 2017 veröffentlichen Befunde sorgten weltweit für Schlagzeilen. Ihnen zufolge haben rund 47 Prozent der verheirateten Frauen und Männer höchstens einmal pro Monat sexuellen Kontakt und erwarten auch nicht, dass sich das in absehbarer Zukunft ändert – gemäß den Kriterien der Familienplaner leben sie damit in einer sexfreien Partnerschaft. Es handelt sich um einen Rekordwert, der sich deutlich von den Ergebnissen der ersten Befragung abhebt: So hatten im Jahr 2004 nur rund 32 Prozent der Verheirateten unter den 3000 Befragten zwischen 16 und 49 Jahren von einer mehr oder weniger platonischen Beziehung berichtet. „Der Trend, eine Ehe ohne Sex zu führen, hat weiter zugenommen“, wird der Präsident der Familienplanungsorganisation, Kunio Kitamura, in japanischen Medien zitiert.

Mehr erwachsene Jungfrauen

Doch nicht nur bei verheirateten Paaren schwindet das Interesse an der körperlichen Liebe, auch viele junge unverheiratete Japaner leben enthaltsam. Das zeigte eine Befragung von 5000 Personen zwischen 18 und 34 Jahren im vergangenen Jahr. Rund 42 Prozent der jungen Männer und 44 Prozent der jungen Frauen hatten demnach noch nie Sex, wie die Wissenschaftler des Nationalen Bevölkerungsforschungsinstituts berichten. Der Anteil männlicher und weiblicher Jungfrauen habe, so betonen sie, innerhalb der letzten Dekade zugenommen.  

Photo by Victoriano Izquierdo on Unsplash

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„Sexlosigkeit auf dem bisherigen Höchststand“ oder „Hälfte aller Ehen sexlos“ titeln japanische Zeitungen und auch internationale Medien berichten immer wieder fasziniert vom fernöstlichen Zölibatsyndrom. „Das kommt in Wellen und wird immer wieder neu ausgelöst durch Zahlen aus Japan“, sagt Sabrina Wägerle. Die angehende Japanologin forscht im Rahmen eines japanisch-deutschen Doppelmasterprogramms über den Diskurs zur Sexlosigkeit in der japanischen Gegenwartsgesellschaft. Eine Masterarbeit zu diesem Thema hat sie bereits an der Universität Tsukuba geschrieben, eine zweite wird sie demnächst an der Universität Bonn einreichen.

Begonnen habe die Debatte in Japan Anfang der 1990er-Jahre, berichtet Wägerle. Damals sei der Begriff „Sexlosigkeit“ von einem japanischen Psychiater geprägt worden. Angesichts einer der weltweit niedrigsten Geburtenraten von 1,46 Kindern pro Frau und einer rasch alternden Bevölkerung hat das Thema in Japan besondere Brisanz. Entsprechend lebhaft und zuweilen besorgt wird über die Ursachen einer Entwicklung diskutiert.

Frauen scheuen den Aufwand

Erschöpfung durch die Arbeit: Für die männlichen Teilnehmer der aktuellen Befragung hat die sexuelle Flaute vor allem damit zu tun. Hinzu kommen bei vielen von ihnen die langen Pendlerzeiten: Wer in Tokio oder Osaka vor 21 Uhr wieder zu Hause ist, kann sich glücklich schätzen. Die in der Studie befragten Frauen schreckt in erster Linie  der „hohe Aufwand“ ab; viele von ihnen empfinden Sex offenbar als lästig und bedrängend.

Aus  finanziellen Gründen kommt eine Scheidung meist nicht in Frage. Sie ist auch gesellschaftlich tabuisiert. Durchaus akzeptiert sei jedoch der Besuch eines Hostess Clubs für Männer, berichtete Sabrina Wägerle. Und wohlhabende Frauen greifen Medienberichten zufolge immer wieder gern auf die Dienste junger Galane zurück. 

Ganz in weiß, ganz allein

Ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben machen einige junge Japanerinnen auch auf andere Weise geltend: Sie heiraten sich selbst, ganz romantisch in Weiß, mit Ring und Hochzeitsevent. Mit dem Ja-Wort an sich selbst versuchen die Frauen, sich familiären und gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen – ein emanzipativer Akt, der von der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft zeuge, sagt Wägerle.

Konservative Kräfte beobachten diese Entwicklung ebenso argwöhnisch wie die wachsende Schar junger Männer, die  nicht nur sexuell an Frauen interessiert sind. Sie, die gern auch platonische Freundschaften zu Frauen pflegen, werden in der japanischen Öffentlichkeit immer wieder als Gras-Esser verunglimpft. Vor allem die Medien schrieben den Gras-Essern sexuelles Desinteresse zu, berichtet Sabrina Wägerle, und sähen sie als Protagonisten der zunehmenden Sexlosigkeit.

Sorgen um die schwindende Libido machen sich auch die Politiker. Ihr Interesse ist vor allem demografisch begründet. Die Geburtenzahlen sollen wieder steigen und im Jahr 2025 will man, so ein erklärtes Regierungsziel, bei mindestens 1,8 Kindern pro Frau sein. In diesem Kontext werde die ausgeprägte Präsenzkultur japanischer Betriebe derzeit kritisch diskutiert, berichtet Wägerle. Es gebe auch Überlegungen, die Arbeitszeiten zu verkürzen und eine Obergrenze von 60 Überstunden pro Monat einzuführen.

Paare, die lieber kuscheln

Doch ist sexuelles Desinteresse wirklich eine weitere Absonderlichkeit der japanischen Kultur? Oder formt der Westen sich damit nur ein neues Klischee vom fernen Osten? Und übersieht ähnliche Tendenzen bei sich zu Hause: So bejahten in einer für Deutschland repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg immerhin 41 Prozent der befragten Paare die Frage: „Ich kuschele lieber mit meinem Partner/meiner Partnerin als mit ihm/ihr zu schlafen“.

Sexlosigkeit sei eben kein rein japanisches Phänomen, betont denn auch der oberste Familienplaner des Landes, Kunio Kitamura: „Die USA, Südkorea und andere Industrienationen machen ähnliche Entwicklungen durch.“ Besorgte westliche Medienberichte über enthaltsame Millennials – die  Generation der zwischen den frühen 1980er- und 2000er-Jahren Geborenen – geben ihm Recht. In das Bild passt auch eine jüngst in den Archives of Sexual Behavior publizierte Studie: Demnach haben Amerikaner deutlich weniger Sex als in früheren Jahren. Wenn die Paarbeziehung stimme, sagen Forscher, sei das kein Grund zur Sorge. Nicht in den USA und wohl auch nicht in Japan.

Von Lilo Berg

Literatur, Link:

Masterarbeiten von Sabrina Wägerle:

Universität Tsukuba/Japan: „Die Transformation von Sexualität und Intimität – Der Diskurs über 'Sexlosigkeit' in der japanischen Gegenwartsgesellschaft“

Universität Bonn (in Vorbereitung): „Die diskursive Produktion von 'Sexlosigkeit' in der japanischen Gegenwartsgesellschaft“ (Arbeitstitel)

Declines in Sexual Frequency among American Adults, 1989–2014

Foto Startseite: hiroo yamagata 2007 via FLickr https://flic.kr/p/2SSsn3 (CC BY-SA 2.0)

Foto oben:  by Victoriano Izquierdo on Unsplash

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5