Was ein Jahr Schule bewirkt

Die Sommerferien sind vorbei, die Schule beginnt – auch für Tausende von Erstklässlern. Im Kindergarten konnten sie nach Herzenslust spielen und toben, jetzt müssen sie still sitzen, zuhören und sich vor dem Reden melden. Was macht das mit den Kindern?

Offenbar wirkt sich der Schuleintritt schnell auf das Gehirn von Kindern aus und sorgt für einen deutlichen Entwicklungsschub. Schon innerhalb des ersten Schuljahres, das fanden Wissenschaftler am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) heraus, zeigen sie bessere  Konzentrationsleistungen als Kindergartenkinder in vergleichbarem Alter. Höhere Werte erzielten die Schulkinder auch bei der Regulation des eigenen Verhaltens. Die Ergebnisse ihrer Langzeitstudie veröffentlichten die Forscher in der hochrangigen Fachzeitschrift Psychological Science.  

Lernprozesse verstehen

Photo by Megan Soule on Unsplash

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„Generell machen Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren große Entwicklungssprünge, vor allem in ihrer Fähigkeit zur Verhaltenskontrolle“, sagt der Erstautor der Studie, Garvin Brod. Zusammen mit seinen Kollegen wollte der heute 30-jährige Experimentalpsychologe herausfinden, ob der Reifungsschub ganz auf die allgemeine Hirnentwicklung zurückgeht oder auch mit der in dieser Lebensphase üblichen Einschulung zu tun hat. Die Studie ist Teil eines größeren Projekts am MPIB namens HippoKID, in dem es darum geht,  Lernprozesse bei Vier- bis Sechsjährigen besser zu verstehen und kindgerechter zu gestalten.

Für ihre Vergleichsstudie konnte das Team um Garvin Brod und seine Kollegin Yee Lee Shing eine Gruppe  von 60 Kindern gewinnen, die zu Beginn der Untersuchung fünf Jahre alt waren. Nach einem Jahr wurden die Tests wiederholt, um Veränderungen feststellen zu können. In der ersten Testphase gingen alle Kinder noch in den Kindergarten, beim zweiten Durchlauf hatte ein Teil der kleinen Probanden bereits ein Jahr Schule hinter sich. Beide Male lösten die Kinder Aufgaben am Computer, mit denen ihre Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle gemessen wurde. Während der Tests wurde die Hirnaktivität der Kinder mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) erfasst und anschließend miteinander verglichen.

Geübt im Scanner

„Bei den Tests im MRT-Gerät handelte es sich um kindgerecht gestaltete Go-/No-go-Aufgaben“, berichtet Garvin Brod. Dabei sahen die Kleinen in schneller Folge Bilder von Hunden und Katzen und sollten immer dann eine Taste drücken, wenn ein Hund auf dem Bildschirm erschien. Bei einer Katze lautete die Aufgabe: Impuls unterdrücken und Finger weg von der Tastatur. An die Testsituation konnten die Kinder sich vorher in einem MRT-Gerät außer Betrieb gewöhnen, ein sogenannter Mock-Scanner, der am Berliner Institut für Trainingszwecke aufgebaut ist. 

Binnen eines Jahres erzielten sowohl die Kindergartenkinder als auch die Schulkinder bessere Ergebnisse hinsichtlich Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle. Allerdings machten die Schulkinder vergleichsweise größere Entwicklungssprünge. Ihre Hirnscans wiesen außerdem eine stärkere Aktivierung des rechten posterioren Parietalkortex auf, einer Hirnregion im hinteren Scheitellappen, die länger andauernde Aufmerksamkeitsleistungen unterstützt. Interessanter Zusatzbefund: Ein stärkerer Aktivitätsanstieg in diesem Teil der Hirnrinde ging mit auffallend deutlichen Verbesserungen in der  Verhaltensregulation einher.

„Schon vor uns haben andere Wissenschaftler den Effekt der Einschulung auf Konzentrationsleistung und Aufmerksamkeitskontrolle untersucht“, sagt Garvin Brod. Einige frühere Studien hätten ebenfalls positive Wirkungen gefunden, andere hätten keine Auswirkungen festgestellt.  Mit der Berliner Studie liefere nun erstmals eine neurowissenschaftliche Langzeituntersuchung Indizien für eine beschleunigte Gehirnentwicklung nach Schuleintritt.

Warnung vor falschen Schlüssen

Aus den aktuellen Befunden Forderungen nach einem früheren Schuleintritt für alle Kinder abzuleiten, sei verfehlt, betont Garvin Brod: „Wir können die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt nicht beantworten. Das muss eine individuelle Entscheidung bleiben, denn jedes Kind ist anders.“ Auch liefere die Studie keine Hinweise auf die Wirksamkeit bestimmter Schulformen oder didaktischer Methoden – all das sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen.

Derzeit gebe es Überlegungen, die Studie in neuer Auflage weiterzuführen, sagt Brod, der inzwischen als Gruppenleiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und an der Universität in Frankfurt am Main  arbeitet. In möglichen Folgestudien würde es darum gehen, ob die beobachteten Effekte einer strukturierten Lernumgebung über das erste Schuljahr hinaus anhalten und wie lange das der Fall ist.

Von Lilo Berg

Studie, Links

HippoKID

IDeA Center am DIPF

Foto Startseite/Oben: Photo by Megan Soule on Unsplash

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5