„Wir brauchen eine zweite Bildungsexpansion“

Den meisten Mädchen und Jungen in Deutschland geht es gut. Sie wachsen in sicheren Verhältnissen auf und haben eine Vielzahl von Bildungschancen. Doch für einen beachtlichen Teil der Kinder gilt das nicht – sie laufen Gefahr, dauerhaft abgehängt zu werden.

Benachteiligt sind hierzulande besonders oft die Kinder von Alleinerziehenden. Rund 20 Prozent von ihnen leben in relativer Armut, weil zu Hause weniger als Hälfte des bundesdeutschen Durchschnittseinkommens von jährlich rund 35 000 Euro zur Verfügung steht. Dieses Schicksal trifft Kinder von Alleinerziehenden doppelt so oft wie ihre Altersgenossen aus Familien mit beiden Elternteilen.

Zu diesem Ergebnis kommt die Analyse zur Lage von Kindern in Deutschland, die das deutsche Komitee des Kinderhilfswerks UNICEF mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl veröffentlichte. Besonders häufig von relativer Armut betroffen sind der Studie zufolge Kinder aus zugewanderten Familien, in denen die Mütter keine Schul- oder Berufsausbildung haben. Ein weiterer Kernbefund: In manchen Städten des Ruhrgebiets sowie in Berlin leben rund ein Drittel der Kinder in Haushalten, die von Hartz IV abhängig sind.

Quelle: Hans Bertram 2017: Offene Gesellschaft, Teilhabe und die Zukunft für Kinder (siehe unten)

Im Fokus: Armut und Bildung

„Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Familien vollständig von staatlichen Sozialleistungen abhängen, bekommen sie nicht genügend Anreize für ein Leben in Selbstständigkeit und Selbstverantwortung“, sagt der Herausgeber und Autor der Studie, Hans Bertram. Seit 2007 legt der renommierte Mikrosoziologe im Auftrag von UNICEF etwa alle drei Jahre Analysen zur Lage von Kindern in Deutschland vor. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte; die aktuelle Analyse stellt die relative Armut und die Bildung in den Mittelpunkt.

Um diese Themen gehe es hierzulande oft auch in Sonntagsreden, sagt Hans Bertram: „Da werden Defizite angeprangert und die negativen Folgen für nachfolgende Generationen hervorgehoben, doch am Ende bleibt bei den Kindern immer am wenigsten hängen.“ Kinder benötigten faire Chancen und das Gefühl, von ihren Mitmenschen gebraucht zu werden, um die Zukunft verantwortungsbewusst mitgestalten zu können. Wie das gelingen kann, skizzieren Bertram und seine Kollegen in der neuen Studie – aufbauend auf einer Analyse der heutigen Situation.

Die Wissenschaftler beziehen sich dabei auf umfangreiche amtliche Datenquellen, darunter die Europäische Gemeinschaftsstatistik zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), die internationale Schulleistungsstudie PISA und die länderübergreifende Luxembourg Income Study (ILS). Darüber hinaus wurden Kinder im Alter zwischen 6 bis 14 Jahren und deren Eltern zu ihrem Wohlbefinden interviewt. Gefragt wurde etwa nach der Zufriedenheit mit der Schule und den Klassenkameraden, dem Elternhaus, den Spiel- und Freizeitmöglichkeiten, der Gesundheit und der ökonomischen Situation. Auf der Basis amtlicher Daten stellten die Forscher dann das sozioökonomische und soziokulturelle Profil der Familien im europäischen Vergleich zusammen.

Besonders problematisch ist demnach die Lage der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Sie haben kaum eine Chance, aus eigener Kraft auf einen grünen Zweig zu kommen, insbesondere, wenn die Kinder noch klein sind. „Wer Kinder bis zum sechsten Lebensjahr zu betreuen hat, wendet allein dafür rund 60 Stunden pro Woche auf“, sagt Hans Bertram. Da bleibe nur wenig Zeit für eine Erwerbstätigkeit und die Vorsorge für das eigene Alter.

Vorbild Schweden

Einen Weg aus dem Dilemma weist das schwedische Beispiel. Dort übernimmt die Solidargemeinschaft die Sozialversicherungsbeiträge von Alleinerziehenden bis zum achten Lebensjahr ihrer Kinder. In Deutschland würde diese Lösung rund elf Milliarden Euro kosten, sagt Bertram: „Wir könnten die relative Armut damit auf einen Schlag um gut ein Drittel senken.“ Das sei ein großer Schritt hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit, wie sie Politiker im Wahlkampf immer wieder anmahnten.

Um die relative Armut von Kindern aus Migranten zu senken, setzen die Autoren der Studie unter anderem auf mehr Bildung für die Mütter. In Berlin und im Ruhrgebiet haben 15 bis 17 Prozent der zugewanderten Frauen keinen Schulabschluss und annähernd 40 Prozent auch keine Berufsausbildung. „Dabei zeigen alle Studien, dass der Bildungsabschluss der Kinder annähernd zur Hälfte von dem der Mutter abhängt“, sagt Hans Bertram. Kindergarten und Schule seien überfordert mit der Aufgabe, familiäre Defizite vollständig auszugleichen. Vielmehr brauche Deutschland eine zweite Bildungsoffensive für zugewanderte Frauen – nach dem Vorbild der großen Bildungsexpansion in den 1960er-Jahren für die sprichwörtliche katholische Arbeitertochter vom Land. Bertram: „Die zugewanderten Mütter werden mitmachen, weil sie wissen, dass es gut für ihre Kinder ist.“

Auf die Lebenswelt kommt es an

Wichtig für eine gelingende Integration seien darüber hinaus spezielle Förderformate für Vorschulkinder. Zum Beispiel nach dem bewähren Muster des niederländischen Spiel- und Lernprogramms „Opstapje“ oder in Anlehnung an das erfolgreiche US-Programm „Head Start“ zur kompensatorischen Erziehung, das unter anderem die Fernsehserie Sesamstraße inspiriert hat. „Wir müssen uns viel stärker um die Lebenswelt der Kinder kümmern und zivilgesellschaftliches Engagement in diesem Bereich fördern“, sagt Hans Bertram. Nur so ließen sich die aus Frankreich und Großbritannien bekannten Probleme mit der zweiten und dritten Generation von Migranten vermeiden.

Arbeit zu haben reiche für die Integration Zugewanderter keineswegs aus, auch wenn die Politik dies immer wieder suggeriere und die Fördermittel entsprechend einsetze. „Auf diese Weise kümmern wir uns vor allem um die jungen Männer und vernachlässigen die Frauen“, sagt der Berliner Soziologe. „Ihnen müssen wir uns in Zukunft jedoch viel stärker zuwenden.“

In manchen Regionen Deutschlands sind besondere Anstrengungen erforderlich. So sind in Essen 35 Prozent der Kinder von Müttern mit Migrationshintergrund von relativer Armut bedroht. In Hamburg sind es 20 und in München zehn Prozent.

Ostdeutschland holt auf

Auch insgesamt ist die relative Kinderarmut deutschlandweit sehr unterschiedlich verteilt. Vor allem in den neuen Bundesländern habe sich die Lage deutlich verbessert, heißt es in der UNICEF-Studie: In Dresden liege sie heute bei 15 Prozent, in Berlin bei 30 Prozent.

„Um hier voranzukommen, brauchen wir dringend mehr Industriearbeitsplätze“, sagt Hans Bertram. Solche Arbeitsstellen seien in den vergangenen Jahrzehnten stark abgebaut worden – mit dem Ergebnis, dass viele Menschen keine adäquate Erwerbsarbeit mehr fänden. Berlin habe diesen Fehler in den 1990er-Jahren gemacht, der Freistaat Sachsen habe ihn vermieden und gezielt Stellen in der Industrie geschaffen.  

Mit der neuen Studie verbinden auch die Auftraggeber Forderungen an die Politik: „Wir rufen die Parteien auf, sich für eine faire Teilhabe aller Kinder einzusetzen und die Chancen für benachteiligte Kinder deutlich zu verbessern“, sagt Jürgen Heraeus, der Vorsitzende von UNICEF Deutschland.

Die nächste Analyse zur Lage der Kinder in Deutschland ist nach Auskunft von Hans Bertram schon in Arbeit. Das Thema Bildung werde darin erneut eine große Rolle spielen.

Von Lilo Berg

Studie:

Unicef-Analyse „Offene Gesellschaft, Teilhabe und die Zukunft für Kinder“

Buch:

Hans Bertram (Hg.): Zukunft mit Kindern, Zukunft für Kinder. Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland im europäischen Kontext, Verlag Barbara Budrich, Wiesbaden 2017. ISBN: 9783847405511

Foto oben: Gregoniemeyer 2009 via Flickr https://flic.kr/p/63AZvY Lizenz CC BY-NC 2.0

Foto Startseite: ILO in Asia and the Pacific 2011 via Flickr https://flic.kr/p/dbPmF1 Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5