Die Familie im Kopf

Mutter, Vater, zwei Kinder: So sieht für sehr viele Deutsche die Idealfamilie aus und das schon seit Jahrzehnten. Doch was macht den Klassiker so beliebt? Und wie geht es jungen Erwachsenen, die von der Norm abweichen? Diese Fragen untersucht eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Seit den 1950er-Jahren hat die deutsche Gesellschaft sich enorm verändert. Doch das Leitbild von der Zwei-Kind-Familie überdauerte alle Umbrüche – im Westen ebenso wie im Osten des Landes. So hat fast die Hälfte der zwischen 1943 und 1977 geborenen Mütter zwei Kinder zur Welt gebracht. Wie dominant dieses Ideal weiterhin ist, zeigt zuletzt der Familienleitbildsurvey 2012 des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) in Wiesbaden.

Quelle: Demografische Forschung 1/2017

Quelle: Demografische Forschung 1/2017

Dabei wurden 5000 junge Frauen und Männer zwischen 20 und 39 Jahren ausführlich nach ihren Einstellungen zur Familie und zur angestrebten Familiengröße befragt. Rund die Hälfte (49,6 Prozent) wünscht sich demnach zwei Kinder oder hat sie schon. Ein Viertel der Befragten möchte drei Kinder. Ein weiteres Viertel strebt entweder vier oder mehr Kinder an oder nur ein Kind beziehungsweise gar keinen Nachwuchs.

Wenn also zwei Kinder die Norm sind: Was bringt manche Menschen dazu, sich bewusst dagegen zu entscheiden? Und wie werden die unterschiedlichen Lebensentwürfe in der Gesellschaft bewertet? Diesen Fragen gingen Sabine Diabaté und Kerstin Ruckdeschel vom BIB in ihrer Studie „Gegen den Mainstream“ nach. Anders als viele Forscher vor ihnen richteten die beiden Sozialwissenschaftlerinnen ihren Blick nicht vornehmlich auf ökonomische oder strukturelle Faktoren. Sie konzentrierten sich vielmehr auf kulturelle Idealvorstellungen und fanden dort eine ganze Reihe von Einflüssen.

Ein Befund zeigt beispielsweise, dass die Zwei-Kind-Norm noch ausgeprägter ist, wenn nicht nach der persönlichen, sondern allgemein nach der idealen Kinderzahl gefragt wird: Dann betrachten sogar gut 60 Prozent diese Familiengröße als optimal. Wer davon abweicht, so ein weiteres Ergebnis der Studie, sieht sich sozialem Druck ausgesetzt. Das gilt für Kinderreiche und die, die es werden wollen ebenso wie für  Kinderlose: In beiden Gruppen glauben viele, in diesem Punkt nicht von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Doch auch sie selbst hegen große Vorbehalte gegenüber anderen Lebensformen. So halten vor allem diejenigen, die sich vier und mehr Kinder wünschen, Menschen ohne Kinder für egoistisch. Kinderlose hingegen schieben Großfamilien leicht einmal in die asoziale Ecke: Den Eltern, so der Vorwurf, fehle schlicht die Zeit, sich ausreichend um den Nachwuchs zu kümmern. Wer sich nur ein Kind wünscht oder bereits hat, ähnelt in seinen Leitbildern den Kinderlosen, so ein weiterer Befund der Wiesbadener Sozialwissenschaftlerinnen.

Foto: PrivatIhre Untersuchung zeigt, dass neben kulturellen Einstellungen auch soziale Faktoren eine große Rolle spielen: „Vor allem Verheiratete und Männer entsprechen der Zwei-Kind-Norm“, sagt Sabine Diabaté (Foto). Unterhalb dieser Norm blieben vor allem Westdeutsche, Ledige und wenig oder gar nicht religiöse Menschen. Ohne Nachwuchs blieben insbesondere Großstädter. Viele Kinder bekommen, das wollen der Studie zufolge vor allem gut gebildete Menschen. Diabaté: „Und wer selbst mit Geschwistern aufgewachsen ist, wird sich als Elternteil in der Regel auch mehr als ein Kind wünschen.“

Die Zwei-Kind-Norm werde nicht von einem spezifischen Milieu geprägt, sie habe alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen, heißt es resümierend in der Studie. Wer von dieser Norm abweiche, empfinde einen Widerspruch zwischen eigenen Vorstellungen und denen der Allgemeinheit. Diese Kluft sei bei Menschen ohne Kinder am stärksten ausgeprägt, schreiben die Autorinnen. Zwar betrachteten Kinderlose selbst ein Leben ohne Nachwuchs als normal, sie spürten jedoch eine Ablehnung durch die Gesellschaft und hätten oft das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen. Indizien für eine zuweilen postulierte Kultur der Kinderlosigkeit können Sabine Diabaté und Kerstin Ruckdeschel in ihren Daten jedenfalls nicht erkennen.

Im Interesse einer toleranten Gesellschaft sei es dringend geboten, Normabweichungen zu entstigmatisieren, schreiben die beiden Sozialwissenschaftlerinnen. Kinderreiche Familien sollten nicht unter dem Leitbild der verantworteten Elternschaft leiden müssen: Demnach wird das einzelne Kind in Großfamilien nicht genügend gefördert, es kommt schlicht und einfach zu kurz. Darüber hinaus gelte es, das gesellschaftliche Potential von Menschen ohne Kinder deutlicher wahrzunehmen und sie vom Stigma einer defizitären Lebensform zu befreien.

Von Lilo Berg

Literatur:

Sabine Diabaté & Kerstin Ruckdeschel: Gegen den Mainstream – Leitbilder zu Kinderlosigkeit und Kinderreichtum zur Erklärung der Abweichung von der Zweikindnorm, Zeitschrift für Familienforschung, 28. Jahrg., 2016, Heft 3

Abbildungen: CC0 Public Domain

Grafik oben: Demografische Forschung 1/2017

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5