Bewegte Kindheit für alle

Sie rennen und toben, sie hüpfen und springen: Kleine Kinder haben einen enormen Bewegungsdrang. Wenn sie ihn ausleben können, dient das nicht nur ihrer körperlichen Entwicklung, auch geistige, emotionale und soziale Funktionen werden gestärkt. Doch für immer mehr Kleinkinder ist das alles nur graue Theorie – sie stehen am Rand und schauen den anderen beim Toben zu.

Die Jungen tragen Cargo-Hosen, Anoraks und feste Stiefel, die kleinen Mädchen Kleider, weiße Strumpfhosen und Stoffschühchen: ein typisches Bild, wenn hierzulande Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen. Geht es dann nach draußen, sind die kleinen Jungs eindeutig im Vorteil: Sie werden in ihrem Bewegungsdrang bestärkt, auch durch ihre Kleidung.

Foto: Privat

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„Eher gehemmt werden die Mädchen – vor allem, wenn sie aus muslimischen Familien kommen“, sagt Ina Hunger (Foto), Direktorin des Instituts für Sportwissenschaften an der Universität Göttingen. In einem Verbundprojekt will Hunger jetzt den Alltag von zwei- bis fünfjährigen Kindern unterschiedlicher Herkunft untersuchen, um mehr über deren Bewegungsmöglichkeiten zu erfahren. Die Ergebnisse der interdisziplinären Studie mit dem langen Titel „Zur sozialen Bedingtheit von Bildungs- und Entwicklungschancen durch Bewegung – empirische Studien und Transfers unter dem Fokus von Diversität“ sollen später in die Beratung von Eltern einfließen.

Prägende Jahre

Die positiven Wirkungen körperlicher Aktivität in der frühen Kindheit sind in der Wissenschaft unumstritten. „Bewegung ist ein echter Entwicklungsmotor“, sagt Ina Hunger, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft ist. Körperliche Aktivität biete Kindern viele Lernanreize und die Chance, sich selbst zu erproben. „Risiken eingehen, den Raum erobern und sich auch einmal gegen andere durchsetzen – das üben Jungen und Mädchen in der Bewegungsaktivität.“ Wer die Gelegenheit dazu in der frühen Kindheit nicht erhalte, sei ein Leben lang benachteiligt: „Denn was in dieser Phase angelegt wird, sei es Dominanz, Risikofreude oder Ängstlichkeit, hat die Tendenz sich langfristig zu stabilisieren.“

Die Göttinger Studie läuft drei Jahre lang und ist in drei Teile gegliedert. Zunächst wollen die Forscher sich ein Bild von den teilnehmenden Familien machen: Sie sprechen mit den Eltern und schauen, was nachmittags und am Wochenende zu Hause bei den Kleinkindern passiert. Dabei nutzen sie die bewährte sozialwissenschaftliche Methode der teilnehmenden Beobachtung – in deutschstämmigen Familien (bildungsfern und bildungsnah) wie auch in Familien mit türkischem oder arabischem Hintergrund und in Roma-Familien. Parallel dazu wird die kognitive und motorische Entwicklung der Kinder regelmäßig im Sozialpädiatrischen Zentrum der Göttinger Universitätsmedizin untersucht. Außerdem wolle man von Anfang an eng mit den Fachkräften in Integrationskindergärten und anderen Betreuungseinrichtungen zusammenarbeiten, sagt Ina Hunger.

Letztlich soll die Studie zu einer Verbesserung der Elternberatung führen. Derzeit fruchteten die Empfehlungen oft nicht, berichtet Hunger. Da werde türkischen Müttern geraten, mit ihrem Kind schwimmen zu gehen – dabei sei es der Besuch öffentlicher gemischter Bäder vielen muslimischen Frauen untersagt.

Vernachlässigung macht dick

Bei einer Vorgängerstudie – es ging um die Situation stark übergewichtiger Kinder – kam heraus, dass manche Familien sich eine persönliche Alltagsbegleitung nach dem Vorbild der Super-Nanny wünschen. Ein weitere Erkenntnis aus dieser Untersuchung: Stark übergewichtige Kinder haben im Kindergartenalter denselben Bewegungsdrang wie ihre Altersgenossen. „Kinder werden adipös, weil sie in problembeladenen Familien aufwachsen oder auch vernachlässigt werden, und nicht nur, weil sie zu wenig Bewegung haben oder das Falsche essen“, fasst die Göttinger Forscherin zusammen.

Demnach hat Bewegung, und das ist wichtig für die aktuelle Studie zur frühen Kindheit, viel mit der sozialen Umgebung zu tun und ist nur in diesem Kontext zu verstehen. Mit ersten Ergebnissen, sagt Ina Hunger, sei Ende 2019 zu rechnen. Sie könnten nicht nur für die obligatorischen Untersuchungen im Kindesalter relevant werden, sondern auch für ärztliche Verordnungen und deren Umsetzung.

von Lilo Berg

Literatur:

Ina Hunger: Schwere Kindheit. Zur Situation und zum Lebensalltag adipöser Kinder, in: Ina Hunger und Renate Zimmer (Hrsg.): Inklusion bewegt – Herausforderungen für die frühkindliche Bildung, Schorndorf 2014

Leopoldina: Frühkindliche Sozialisation - Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven, 2014. Freier Download (pdf)

Foto Startseite: mliu92 2015 via Flickr https://flic.kr/p/viZzbFF (CC BY-SA 2.0)

Foto oben: Fouquier 2015 via Flickr https://flic.kr/p/8AriUE (CC BY-NC 2.0)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5