Mehr Männer, weniger Kinder

Geburtenrate? Da geht es um Frauen, denken die meisten. Doch auch Männer bekommen Kinder. Wie viele es pro Mann in Deutschland sind, wurde jetzt erstmals berechnet – mit überraschenden Ergebnissen.

Hierzulande bekommen Männer im Durchschnitt weniger und später Kinder als Frauen. Im Osten des Landes fallen die Unterschiede sogar besonders stark aus. Das geht aus einer neuen Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock hervor. Dafür analysierten die beiden Sozialwissenschaftler Christian Dudel und Sebastian Klüsener entsprechende Statistiken ab 1991 und stellten fest: In jedem seither vergangenen Jahr unterschritt die Geburtenziffer der Männer diejenige von Frauen; im Jahr 2013 etwa lag sie bei 1,35 pro Mann und 1,42 pro Frau.

Ein besonders eindrucksvolles Ergebnis der Studie: Der weltweite Rekordtiefstand von 1994 mit 0,77 Kindern pro Frau in Ostdeutschland, wurde durch die ostdeutschen Männer mit einem Wert von 0,74 sogar noch unterboten. Seither steigt die Geburtenhäufigkeit in den östlichen Bundesländern wieder an und zwar besonders deutlich bei den Frauen: Mit 1,56 Kindern pro Frau lag die Rate im Osten höher als im Westen mit 1,5 Kindern pro Frau. Christian Dudel: „Bei den ostdeutschen Männern rangieren die Zahlen allerdings weiterhin unter denen westdeutscher Männer.“

Ein wesentlicher Grund für die beobachteten Unterschiede sei der Männerüberschuss im reproduktiven Alter, sagt der Rostocker Wissenschaftler. Diesem Alter werden in der Studie alle Frauen zwischen 16 und 45 Jahren und die Männer zwischen 17 und 59 Jahren zugerechnet. „Davor und danach gibt es nur wenige Geburten, die statistisch nicht mehr ins Gewicht fallen“, erläutert Dudel.

Abwanderung und Arbeitsmigration
Der Männerüberschuss in Ostdeutschland sei vor allem auf die Abwanderung junger Menschen nach der Wende zurückzuführen – damals verließen mehr junge Frauen als Männer ihre Heimat. In Westdeutschland hat das Phänomen in erster Linie mit der Arbeitsmigration zu tun: Seit den 1950er-Jahren strömten sehr viele ausländische Männer im Alter von 17 bis 59 Jahren in die alten Bundesländer – sie erhöhten den Männeranteil in der reproduktiven Bevölkerung signifikant.

Mit ihrer im Fachblatt Demographic Research veröffentlichten Studie betreten die Forscher Neuland. Denn bisher gab es keine Geburtenraten für Männer in Deutschland. Sie ließen sich nicht ermitteln, weil die nötigen Angaben in der amtlichen Statistik oft fehlen. Während Frauen ihr Alter bei der Geburt eines Kindes immer mitteilen müssen, ist diese Angabe für Männer nur bei ehelichen Geburten Pflicht. Allerdings kommen heute im Osten Deutschlands rund 60 Prozent der Kinder nichtehelich zur Welt, im Westen sind es um die 30 Prozent. In all diesen Fällen ist die Altersangabe des Vaters freiwillig und liegt häufig nicht vor.

Mithilfe eines statistischen Verfahrens zur Ergänzung fehlender Daten, fachsprachlich: Imputation, gelang es den Rostocker Forschern die Lücken zu schließen. Für Christian Dudel liefert die Studie endlich Antworten auf eine Frage, die ihn schon bei seiner Dissertation an der Ruhr-Universität Bochum beschäftigte. Damals stellte der heute 34-Jährige verwundert fest, dass es keine Geburtenraten für Männer gab und er nahm sich vor, dieses Defizit eines Tages zu beheben. Es sei wichtig, das Kinderkriegen nicht allein als weibliche Angelegenheit zu verstehen, sagt Dudel: „Unsere Studie trägt hoffentlich dazu bei, dass die Rolle der Männer stärker wahrgenommen wird.“

Europaweite Vergleiche geplant
Christian Dudel und seine Kollegen wollen an dem Thema dranbleiben. Derzeit durchforsten sie die amtlichen Geburtenstatistiken westeuropäischer Nachbarn, darunter Länder wie Schweden, Dänemark, Frankreich mit ebenfalls hoher Arbeitsmigration, um auch dort die männlichen Geburtenraten zu ermitteln. Interessant wäre ein Vergleich mit osteuropäischen Staaten – an entsprechendes Zahlenmaterial versuchen die Rostocker Wissenschaftler gerade heranzukommen.

Ob nationale Behörden wie das deutsche Statistische Bundesamt eines Tages auch die Geburtenziffern der Männer ausweisen? Noch sehe er keine Anzeichen dafür, sagt Dudel, für ausgeschlossen hält er das aber nicht. Vermutlich muss sich die neue statistische Kategorie noch stärker etablieren. Auf internationaler Ebene veröffentlichen bisher nur die Vereinten Nationen in ihrem Demographic Yearbook männliche Geburtenraten – „allerdings auf der Basis eines weniger akkuraten Schätzverfahrens“, sagt Christian Dudel. Inzwischen gebe es Daten für rund vierzig Länder, darunter auch Deutschland: „Die UN-Schätzungen für das Jahr 2010 stimmen mit unseren Berechnungen grob überein.“

Gespannt ist der Rostocker Forscher auf die weitere Entwicklung der männlichen Geburtenraten in Deutschland. Eine Prognose wagt er heute schon: „Nachdem die ostdeutschen Frauen bereits die westdeutschen Frauen überholt haben, ist damit zu rechnen, dass mittelfristig auch die ostdeutschen Männer zumindest zu den westdeutschen Männern aufschließen können.“

Von Lilo Berg

Aktuelles Lexikon: Geburtenrate
Die Geburtenrate ergibt sich aus der Zahl der geborenen Babys geteilt durch alle Männer oder Frauen im reproduktiven Alter, einschließlich derjenigen, die kinderlos bleiben. Die gleiche Zahl an Kindern wird also auf Männer oder Frauen aufgeteilt – bei einem Männerüberschuss ist die männliche Geburtenrate dementsprechend geringer. Unter dem reproduktiven Alter versteht man die Lebensphase, in der Frauen oder Männer gewöhnlich Kinder bekommen.

Literatur
Christian Dudel, Sebastian Klüsener (2016): Estimating male fertility in eastern and western Germany since 1991: A new lowest low?, Demographic Research
doi: 10.4054/DemRes.2016.35.53

Demographic Yearbook

Foto Startseite: © Rawle C. Jackman 2012 via Flickr https://flic.kr/p/bNHwP2 CC BY-NC-ND 2.0

 

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5