Was das erste Kind bewirkt

Verändern sich Menschen zum Besseren, wenn sie Eltern werden? Ja, antworten die meisten spontan. Doch Vorsicht: So einfach ist es nicht.

Die Geburt des ersten Kindes bringt nämlich keineswegs den vermuteten Schub für die Persönlichkeitsentwicklung der Eltern, wie eine aktuelle Studie zeigt. Demnach sind die Mütter und Väter kleiner Kinder weder emotional ausgeglichener noch verträglicher als kinderlose Vergleichspersonen. Unterschiedliche Entwicklungen zeigten sich jedoch beim Persönlichkeitsmerkmal „Gewissenhaftigkeit“, schreiben die Autoren der Studie in der Zeitschrift Social Psychological and Personality Science. Während sie bei jungen und Müttern und Vätern eher stagniert, nimmt sie bei kinderlosen Frauen stark zu, um dann im Alter von etwa vierzig Jahren auf hohem Niveau zu verharren. 

„Mit derart eindeutigen Ergebnissen hatten wir nicht gerechnet“, sagt Jule Specht, die als Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin zu der Untersuchung beitrug. Seit Oktober 2016 forscht und lehrt die 30-jährige Psychologin an der Universität zu Lübeck. „Mich interessiert vor allem die Frage, wie sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens verändert und warum sie sich bei einigen Menschen stärker ändert als bei anderen“, sagt die junge Forscherin.

Ein Konzept auf dem Prüfstand
Die meisten Menschen werden mit den Jahren emotional stabiler und umgänglicher: Das zeigt die Lebenserfahrung und auch viele wissenschaftliche Studien kommen zu diesem Ergebnis. Uneins ist die Forschung jedoch in der Frage, ob der positive Trend auf einen inneren Reifungsprozess oder auf markante Lebensereignisse zurückgeht. Im jungen Erwachsenenalter, das behaupten die Vertreter des einflussreichen Social-Investment-Konzepts, hat die Entwicklung zum Positiven mit dem Übergang in die Elternschaft zu tun: Die Fürsorge für ein Kind mache den Menschen häufig einfühlsamer und nachsichtiger. Dieses Konzept stellen Jule Specht und ihre Kollegen mit der neuen Studie auf den Prüfstand.

Für ihre Untersuchung griffen sie auf die Daten der australischen Langzeitstudie HILDA (Household, Income and Labour Dynamics in Australia) zurück. Bei dieser großen Panel-Studie beantworten Australier vom 15. Lebensjahr an regelmäßig Fragen nach ihrer Lebenssituation, wobei auch die Zahl eigener Kinder erfasst wird. Im Abstand von einigen Jahren beantworteten die Teilnehmer zudem einen Persönlichkeitsfragebogen (siehe Kasten „Wie Persönlichkeit gemessen wird“). Eine ideale Konstellation also für die Wissenschaftler um Jule Specht: Sie konnten die Persönlichkeitsentwicklung frischgebackener und baldiger Eltern mit der von HILDA-Teilnehmern vergleichen, die im Beobachtungszeitraum keinen Nachwuchs erwarteten.  

Vorboten der Elternschaft
Die Ergebnisse erlaubten sogar Prognosen über eine künftige Elternschaft: So stieg die Wahrscheinlichkeit, bald ein Kind zu bekommen bei starker Extravertiertheit und gleichzeitig geringer Offenheit für neue Erfahrungen an, und zwar sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Auch eine überdurchschnittlich ausgeprägte Gewissenhaftigkeit bei jungen Frauen deutet auf eine baldige Mutterschaft hin.

Über die Gründe für die insgesamt überraschenden Befunde könne man derzeit nur spekulieren, sagt Jule Specht. Möglicherweise seien junge Eltern derart belastet, dass für die Persönlichkeitsentwicklung kaum Energie übrig bleibe. „Vielleicht machen sich funktionale Anpassungen an die neue Rolle erst einige Jahre nach der Geburt des ersten Kindes bemerkbar“, sagt die Wissenschaftlerin. In einer neuen Untersuchung will sie die Perspektive weiten und beobachten, wie sich die Persönlichkeit der Eltern verändert, wenn die Kinder größer werden.

von Lilo Berg

Foto Klaus HeymachZur Person:
Jule Specht ist seit Herbst 2016 Professorin für Diagnostik und Differentielle Psychologie an der Universität zu Lübeck. Die 30-Jährige ist zudem Mitglied des Präsidiums der Jungen Akademie. Über ihre Einsichten und Erfahrungen berichtet sie in einem persönlichen Blog http://jule-schreibt.de/. Für die Zeitschrift „Psychologie Heute“ schreibt sie regelmäßig auf der Seite http://blog.psychologie-heute.de/author/jule-specht/

 

 

Literatur:
Manon A. van Scheppingen, Joshua J. Jackson, Jule Specht, Roos Hutteman, Jaap J. A. Denissen, Wiebke Bleidorn: Personality Trait Development During the Transition to Parenthood. A Test of Social Investment Theory, Social Psychological and Personality Science, July 2016, Vol. 7, No. 5, 452-462, doi: 10.1177/1948550616630032

Wie Persönlichkeit gemessen wird
In der Persönlichkeitspsychologie hat sich weltweit das Fünf-Faktoren-Modell (Big Five) durchgesetzt. Es beschreibt fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit. Demnach lässt sich jeder Mensch auf den folgenden Skalen einordnen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Zwei Beispiele: Wer im Persönlichkeits-Fragebogen beim Faktor „Neurozitismus“ kräftig punktet, reagiert oft empfindlich und verletzlich, wohingegen eine geringe Punktzahl auf ein selbstsicheres, ausgeglichenes Verhalten hindeutet. Und jemand, der hohe Werte beim Merkmal „Extraversion“ erreicht, zeigt sich meist umtriebig und gesellig, während niedrige Werte auf eine zurückhaltende, reservierte Art schließen lassen.

Foto: Joshua Bloom 2008 via Flickr https://flic.kr/p/5L6bif Lizenz CC BY-SA 2.0

Foto Startseite: onnola 2013 via Flickr https://flic.kr/p/dTbdE1 Lizenz CC BY-SA 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5