Was Europa stark macht

Trotz Flüchtlingskrise, Brexit und wachsendem Nationalismus: Die Bürger der EU unterstützen mehrheitlich die europäische Idee. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten wächst die Identifikation mit Europa sogar. Das gilt jedoch nicht mehr für die jüngsten Altersgruppen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Inzwischen empfinden sich 61 Prozent der Bürger aus verschiedenen EU-Staaten als Europäer – in den Jahren zwischen 1996 bis 2004 lag dieser Wert noch bei durchschnittlich 58 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommen die Sozialwissenschaftler Wolfgang Lutz und Erich Striessnig vom Wiener International Institute for Applied Systems Analysis in ihrer jüngsten Studie „Demographic strengthening of European identity“. Die Untersuchung nutzt Daten aus einer Eurobarometer-Befragung im Jahr 2013 und kontrastiert sie mit Ergebnissen aus der Zeit zwischen 1996 bis 2004. Weil die Europäische Union damals nur aus nur 15 Staaten bestand, beschränkt die Studie sich im Interesse einer besseren Vergleichbarkeit ganz auf diese Länder.

Auch wenn die Identifikation mit Europa im Durchschnitt zunimmt: Um einen einheitlichen Trend handelt es sich keineswegs. Die größten Zuwächse erkennen die beiden Forscher in Deutschland, Österreich, Schweden, Finnland und überraschenderweise auch in Griechenland. Demgegenüber lässt die Verbundenheit mit Europa in Frankreich und Großbritannien deutlich nach. In Großbritannien fühlten sich bei der Befragung vor drei Jahren nur 38 Prozent als Europäer – da wirkt der Brexit fast wie eine logische Folge. 

Begeisterung in Brüssel
Mit der neuen Studie wollte Wolfgang Lutz auch die Zuverlässigkeit eines Prognosemodells überprüfen, das er vor zehn Jahren in der Zeitschrift Science erstmals vorgestellt hatte. Angesichts der Tatsache, dass die Identifikation mit Europa unter jungen Menschen stärker verbreitet war als unter älteren und unter der Annahme, dass es sich dabei um eine lebenslang stabile Einstellung handelt, hatte Lutz im Jahr 2006 eine weitere Zunahme der europäischen Identität vorhergesagt.

„In der EU-Kommission hörte man das natürlich gern und entsprechend begeistert fielen die Reaktionen in Brüssel aus“, erinnert sich Lutz. Eine europäische Identität, das war den Politikern sofort klar, erzeugt emotionale Bindungen, sichert die Stabilität der politischen Union und legitimiert deren Institutionen.

Inzwischen sind die Europafreunde von damals älter geworden und sie haben etliche Krisen auf ihrem Kontinent erlebt. Doch ihre europäische Identität blieb unerschüttert, wie die neue Studie zeigt. Durch ihr Vorrücken in der Generationenfolge hat die Zustimmung zu Europa unter den Erwachsenen ab 35 Jahren schrittweise zugenommen.

Anteil der EU‐15-Bevölkerung mit multiplen Identitäten nach Altersgruppe, aus Eurobarometer Surveys in 1996, projiziert auf 2013 (vgl. Lutz et al. ), und beobachtet in 2013. 

„Der Befund bestätigt das Modell des demografischen Metabolismus“, sagt der Wiener Demograf. Es erklärt sozialen Wandel mit der Verdrängung älterer Kohorten durch junge Kohorten mit andersartigen, relativ früh gefestigten Merkmalen und Einstellungen. Lutz: „Mit diesem Modell gelingt es erstmals auch in Fragen des sozialen Wandels zuverlässige Prognosen für mehrere Jahrzehnte zu erstellen.“ Das gelte nicht nur für „harte“ Merkmale wie etwa Bildungsabschlüsse, sondern auch für „weiche“ Merkmale wie Identität und Toleranz.  

Stagnation bei jungen Leuten
In der Science-Studie von 2006 konnte Wolfgang Lutz das Modell nur bei Geburtsjahrgängen anwenden, die schon zwischen 1996 und 2004 eine klare Identität erkennen ließen. Weil für die dann nachrückenden jüngeren Generationen zusätzliche Annahmen getroffen werden mussten, war der Forscher von einer linearen Fortsetzung des Aufwärtstrends bei den Jungen ausgegangen. Das hat sich aber in der aktuellen Studie nicht bestätigt. Demnach stagniert der Anteil junger Leute mit multiplen Identitäten – sie fühlen sich sowohl ihrem Land als auch Europa zugehörig – auf relativ hohem Niveau. „Offenbar haben die Krisen doch dazu geführt, dass die Zunahme der europäischen Identität bei den ganz jungen Kohorten ins Stocken geraten ist“, sagt Lutz. Dennoch lasse das Modell für die kommenden Jahre ein Plus für die europäische Idee erwarten: Schließlich werden die älteren stark national orientierten Jahrgänge sukzessive durch die mittleren stärker europäisch orientierten Kohorten ersetzt.

Dass insgesamt eine positive Einstellung zu Europa überwiegt, stellte auch eine repräsentative Meinungsumfrage der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2015 fest. Die meisten EU-Bürger stehen demnach fest hinter dem Staatenbund und der gemeinsamen Währung und wünschen sich sogar eine stärkere politische und wirtschaftliche Integration. Sofern Befragte sich unzufrieden mit Brüssel äußerten, waren sie in der Regel auch unzufrieden mit ihrer eigenen Regierung. Ein weiterer interessanter Befund: Von der EU erwarten sowohl die jüngsten als auch die ältesten Befragten vor allem Frieden und Sicherheit – beides ist ihnen wichtiger als wirtschaftliches Wachstum.

Wolfgang Lutz will die Entwicklung der europäischen Identität weiter beobachten. Neue Eurobarometer-Daten sind im Jahr 2017 zu erwarten. Dann werden voraussichtlich wieder Tausende Europäer um eine Antwort auf die seit Jahrzehnten gleiche Frage gebeten: „Sehen Sie sich nur als Angehöriger Ihres Staates oder auch als Europäer?“. Ihre Analyse wollen Lutz und seine Forscherkollegen beim nächsten Mal auf die osteuropäischen Mitgliedsländer ausweiten. Sie sind 2002 hinzugekommen – höchste Zeit also, das Zugehörigkeitsgefühl ihrer Bürger zu ermitteln.

von Lilo Berg

Zur Person:
Prof. Dr. Wolfgang Lutz (60) lehrt Sozialstatistik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt ist die internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung. Seit 1994 leitet er das World Population Program am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) nahe Wien und seit 2002 das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2010 gründete er das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital. Lutz ist seit 2012 Mitglied der Leopoldina.

Foto:  © Markus W. Laubeck (CC BY-SA 3.0 DE)

Literatur:
Erich Striessnig, Wolfgang Lutz: Demographic Strengthening of European Identity (2016). Population and Development Review, 42: 305–311. doi:10.1111/j.1728-4457.2016.00133.x

Wolfgang Lutz, Sylvia Kritzinger, Vegard Skirbekk: The Demography of Growing European Identity (2006). Science, 20 Oct 2006, Vol. 314, Issue 5798, pp. 425, DOI: 10.1126/science.1128313

De Vries, C. und Isabell Hoffmann: What do the People want? Opinions, moods and preferences of European citizens (2015), Bertelsmann Stiftung

Grafik: Population and Development Review Volume 42, Issue 2, pages 305-311, 2 JUN 2016 DOI: 10.1111/j.1728-4457.2016.00133. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1728-4457.2016.00133.x/full#padr133-fig-0001

Bild Startseite: JEF Europe 2015 via Flickr https://flic.kr/p/zFASi4, CC BY-NC 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5