Goodbye Baby Boomers, hello Millenials

Clinton oder Trump? Über den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen wird auch in Deutschland lebhaft spekuliert. Was hierzulande eher selten zur Sprache kommt:  Am 8. November könnten demografische Verschiebungen den Ausschlag geben.

Jahrzehntelang dominierten Babyboomer und frühere Generationen die US-Wählerschaft, doch nun neigt sich ihre große Zeit dem Ende zu. Über die neue Präsidentin oder den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten können zum ersten Mal fast ebenso viele junge wie ältere Jahrgänge entscheiden. Die als Millenials bezeichnete Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren stellt 69,2 Millionen Wahlberechtigte, während die Babyboomer, also die 52- bis 70-Jährigen, noch auf 69,7 Millionen kommen. Es ist eine Wachablösung im großen Stil. Doch was bedeutet sie für das Ergebnis der weltweit mit Spannung verfolgten US-Wahlen?

„Vieles hängt davon ab, ob die Millenials überhaupt wählen gehen“, sagt der Politikwissenschaftler Christian Lammert. Der 47-jährige ist  Professor für die Innenpolitik Nordamerikas am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Seine Skepsis hat mit dem Verhalten der jungen Wählerschaft im Jahr 2008 zu tun: Damals gaben nur 56,6 Prozent der Millenials ihre Stimme ab, während die Wahlbeteiligung der Babyboomer 70 Prozent betrug. Im Vergleich zur älteren Generation seien junge Amerikaner weit weniger an Politik interessiert, sagt Lammert: „Große Teile von ihnen identifizieren sich nicht mehr mit dem politischem System.“

Die Weißen verlieren ihre Mehrheit
Und hier kommt der zweite große demografische Trend ins Spiel. Denn unter den jüngeren Jahrgängen überwiegen erstmals die bisherigen Minderheiten der Latinos, Afroamerikaner und Asiaten. Der Anteil der Weißen, der heute in der Gesamtbevölkerung noch etwa 60 Prozent beträgt, geht hingegen beständig zurück und könnte Prognosen zufolge gegen Mitte des Jahrhunderts bei rund 40 Prozent liegen. In den fünf Bundesstaaten Washington D.C., Kalifornien, Texas, Hawaii und New Mexico sind die einstigen Minderheiten jetzt schon in der Mehrheit.

Doch welche Partei profitiert von dem zunehmenden politischen Gewicht junger Wählergruppen einerseits und bisheriger Minderheiten andererseits? „Theoretisch ist das ein Vorteil für die Demokraten“, sagt Christian Lammert, der die US-Wahlen laufend in seinem Politikblog kommentiert (aktuell nach der Wahl). Immerhin habe Barack Obama seine beiden Wahlsiege zu einem bedeutenden Teil den Stimmen von Latinos zu verdanken – und natürlich von Afroamerikanern, die zu mehr als 80 Prozent traditionell demokratisch wählten. Allerdings schaffe Hillary Clinton es nicht, eine ähnliche Euphorie wie ihr Parteifreund Obama zu erzeugen. Zudem seien in der jungen Wählerschaft nicht wenige Demokraten aus Enttäuschung  über die gescheiterte Kandidatur von Bernie Sanders bereits zu den Republikanern übergelaufen.

Jetzt komme es auf das Geschick beider Kandidaten an, die aufstrebenden Wählerschichten für sich zu mobilisieren, sagt Christian Lammert. Clinton habe bereits einige Programmpunkte von Sanders übernommen, um attraktiver für junge Wähler zu werden, etwa in der Gesundheits- und Sozialpolitik. Und selbst aus den Reihen der Republikaner seien progressivere Äußerungen zu vernehmen – auch wenn sie durch Trumps Getöse immer wieder übertönt würden.

Verlegenheitskandidat Trump
„Die Partei ist in einer ernsten Krise“, konstatiert der Berliner Politikwissenschaftler. Die meisten Republikaner wären seiner Ansicht nach gern mit einem moderaten Kandidaten wie Jeb Bush in den Wahlkampf gezogen. Das sei schief gegangen und nun stehe man zähneknirschend zu einer Verlegenheitslösung namens Donald Trump.

Parallel dazu laufe aber bereits die Personalsuche für die nächste Wahlperiode, in der man sich nicht mehr auf weiße, ältere Männer als Mehrheitsbeschaffer verlassen könne. Lammert: „Als neues Wählerreservoir für die Republikaner eignen sich vor allem die Hispanics mit ihren katholisch-konservativen Werten.“ 

Doch gerade Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln lassen sich offenbar besonders schwer als Wähler gewinnen. Vor vier Jahren ging noch nicht einmal die Hälfte von ihnen zur Urne; Afroamerikaner und Asiaten engagierten sich in weitaus größerem Maße. Es geht um die Wahlbeteiligungen der Zukunft – immerhin machen Latinos unter den Millenials bereits 40 Prozent aus und ihr Anteil nimmt zu.

Wahlnacht 2012 in Washington DC

Wahlnacht 2012 in Washington DC

Ähnlich wie der US-Politologe Gary C. Jacobson in seiner neuen Publikation „The Obama Legacy and the Future of Partisan Conflict“ sagen viele Politikwissenschaftler den Demokraten angesichts der demografischen Entwicklung in den USA ein goldenes Zeitalter voraus. Nicht so Christian Lammert: „Die Zeiten stabiler Wählerschichten sind vorbei, die Stimmen müssen immer wieder neu mobilisiert werden.“ Entscheidend sei das Charisma des Kandidaten, das im US-Wahlkampf oft hollywoodartig  überhöht werde.

Zunehmende Radikalisierung
Insgesamt sieht der deutsche Wissenschaftler schwere Zeiten für die politische Klasse heraufziehen. In den USA nehme nicht nur die Politikverdrossenheit zu, es gebe auch Anzeichen für eine wachsende Emotionalisierung, Polarisierung und Radikalisierung in der Gesellschaft. „Davon profitiert derzeit Trump, den viele wählen, weil er nicht zum zutiefst abgelehnten politischen Establishment gehört.“ Umgekehrt votierten viele nur deshalb für Clinton, weil ihnen Trump verhasst sei.

Wenn Christian Lammert einen zunehmenden Verlust an Toleranz und Kompromissbereitschaft beklagt, dann gilt das nicht nur für die USA, sondern auch für andere westliche Demokratien. Die jüngere Generation habe dem fatalen Trend derzeit wenig entgegenzusetzen: „Sie fordert zwar mehr Demokratie und Partizipation auf allen Ebenen, ist aber kaum zur Stelle, wenn wirklich Einsatz gefordert ist.“ In seinem plakativen Individualismus wirke der Nachwuchs oft apathisch.

Steuern wir etwa auf ein postdemokratisches Zeitalter zu, wie es einige Politologen vorhersagen? Die Antwort hängt auch vom Ausgang der US-Wahlen ab.

von Lilo Berg

Zeittafel der Generationen - Häufig werden die im vergangenen Jahrhundert Geborenen in Generationen mit charakteristischen Namen eingeteilt. In den Vereinigten Staaten ist folgende Gliederung üblich:

Millenial Generation: Geburtsjahrgänge 1981 bis mindestens1998
Generation X: 1965 bis 1980
Baby Boomer: 1946 bis 1964
Silent Generation: 1928 bis 1945
Greatest Generation: 1901 bis 1927
Die in den letzten Jahren Geborenen gehören zur iGeneration, auch iGen oder Generation Z genannt. Sie sind die Nachfolger der Millenials und besitzen noch kein Wahlrecht.

Aktuelle Publikationen:
Christian Lammert, Markus B. Siewert: Handbuch Politik USA (2016)
Die USA am Ende der Präsidentschaft Barack Obamas – eine erste Bilanz (2016) – mit einem Beitrag von Christian Lammert

Gary C. Jacobson: The Obama Legacy and the Future of Partisan Conflict: Demographic Change and Generational Imprinting, The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science September 2016 667: 72-91, doi:10.1177/0002716216658425

Politik-Blog:
http://www.christianlammert.com/blog/ - Aktueller Eintrag zur Wahl: http://www.christianlammert.com/2016/11/09/good-morning-america/

Foto Startseite: Studentinnen in der Wahlnacht 2012 © roanokecollege 2012; via Flickr https://flic.kr/p/duDk2y Lizenz CC BY 2.0

Foto oben: Feier in der Wahlnacht 2012, © ep_jhu 2012; via Flickr https://flic.kr/p/drpGMd Lizenz CC BY-NC 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5