„Wir sollten mit gutem Beispiel vorangehen“

Mit der bedrohlichen Zunahme der Weltbevölkerung beschäftigt sich der norwegische Zukunftsforscher Jørgen Randers seit Jahrzehnten. Er ist Mitautor des Weltbestsellers von 1972 „Die Grenzen des Wachstums“. In seinem neuen Buch plädiert Randers für mehr Geburtenkontrolle – und stachelt kontroverse Diskussionen an. 

Randers bei der Buchvorstellung © BMZ/Photothek

Randers bei der Buchvorstellung © BMZ/Photothek

Herr Professor Randers, Deutschland hat mit 1,47 Kindern pro Frau eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Sei einigen Jahren versucht die Politik, den Trend durch vielerlei Fördermaßnahmen umzukehren. Ein Irrweg?

Ja, das geht in die falsche Richtung. Wir sollten die Wachstumsrate unserer Bevölkerungen noch stärker drosseln, damit sie idealerweise kleiner werden.

Mit welcher Begründung?

Weil unsere Spezies dabei ist, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die menschliche Bevölkerung auf mehr als sieben Milliarden Menschen verdoppelt. Das ist unbestreitbar die Hauptursache für die Vergrößerung des ökologischen Fußabdrucks, der zum Beispiel auch den Klimawandel antreibt. Um die Belastung unseres Planeten zu reduzieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann versuchen, den Fußabdruck pro Kopf senken – das ist nur schwer umzusetzen. Eine Verringerung der Bevölkerungszahlen halten mein Mitautor Graeme Maxton und ich daher für die interessantere Option.

Wie viele Menschen kann die Erde Ihrer Meinung nach gut verkraften?

Wenn wir nur halb so viele wären, also rund 3,5 Milliarden, wäre das besser für alle.

Luftverschmutzung in LondonStattdessen liegen wir heute fast bei 7,5 Milliarden und stündlich kommen Tausende neue Erdenbürger dazu. Gegen Mitte des Jahrhunderts dürfte die Zehn-Milliarden-Marke überschritten sein. Wie wollen Sie da gegensteuern?

Durch Anreize für eine geringe Kinderzahl. Frauen aus reichen Ländern, die höchstens ein Kind zur Welt gebracht haben, sollen im Alter von 50 Jahren einen Bonus von 80 000 Dollar erhalten.

Wie kommen Sie ausgerechnet auf 80 000 Dollar?

Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was Norwegen für die Betreuung und Erziehung eines Kindes bis zum Alter von 25 Jahren ausgibt. Wir haben den Betrag halbiert, um den finanziellen Möglichkeiten anderer Länder gerecht zu werden. Im Übrigen entspricht der Bonus in etwa dem Bruttoinlandsprodukt, das ein Bürger der reichen Welt in zwei Jahren erwirtschaftet.

Bleibt die Frage, wer in einer kinderarmen Zukunft für die Renten aufkommt.

Mit diesem wirklich relevanten Problem haben wir uns natürlich beschäftigt. Lösen lässt sich es wohl nur über höhere Steuern und ein Renteneintrittsalter, das sich der weiter steigenden Lebenserwartung anpasst. Derzeit wäre eine Anhebung auf 70 Jahre durchaus angemessen. Parallel dazu plädieren wir für eine Verkürzung der Jahresarbeitszeit und dafür, dass bisher nicht entlohnte Arbeit bezahlt wird – etwa die Pflege bedürftiger Angehöriger. 

Anders als in Ihrem Manifest werden kinderlose Frauen heute oft als Egoistinnen geschmäht, die der Gesellschaft ihren Beitrag zur Zukunftssicherung verweigern.

Das ist natürlich Unsinn. Wir sollten diesen Frauen Respekt zollen, denn sie helfen der Menschheit, verantwortungsvoller mit der Erde umzugehen.

Dennoch: Setzt Ihr Vorschlag nicht am falschen Ende an? Schließlich geht das rasante Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre nicht von den reichen Nationen aus, sondern von ärmeren Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.

Das stimmt. Aber wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Außerdem ist unser ökologischer Fußabdruck ungleich größer: Durch unsere Lebensweise gelangt zum Beispiel drei bis vier Mal so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre wie durch die Bevölkerung armer Weltgegenden. Im Übrigen fällt die Geburtenrate in vielen dieser Länder bereits wie ein Stein.

In Afrika liegt sie mit durchschnittlich 4,7 Kindern pro Frau immer noch sehr hoch und ist weit entfernt vom Erhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau, das eine stabile Bevölkerungszahl sichert. In Hungerregionen wie Niger bringen Frauen heute im Mittel sogar fast acht Kinder zur Welt. Auch Nigeria wächst rasant und könnte nach Prognosen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 mit rund 400 Millionen Menschen das drittgrößte Land der Erde sein. Reicht vor diesem Hintergrund das gute Vorbild des Westens in Sachen Geburtenkontrolle?

Andere Möglichkeiten haben wir nicht. Wir können den Ländern nicht vorschreiben, wie viel Nachwuchs sie in die Welt setzen dürfen. Das Thema ist wirklich heikel, zumal das Recht auf Reproduktion von vielen als Menschenrecht gesehen wird.

Darauf pochen auch autoritäre Herrscher, die sich von einer wachsenden Bevölkerung mehr Macht versprechen.

Stimmt. Aber es kann auch anders laufen, wie das Beispiel China zeigt. Durch die Ende der 1970er-Jahre autoritär verordnete Ein-Kind-Politik hat sich die Bevölkerung des Landes heute bei 1,3 Milliarden Menschen eingependelt – das sind mindestens 400 Millionen weniger als ohne die Geburtenbeschränkung. Dafür können wir den Chinesen gar nicht genug danken. Inzwischen gilt eine Zwei-Kind-Politik in China, doch viele Paare bleiben bei einem Kind.

In China ist die Bevölkerungsexplosion ausgeblieben, vor der man bis in die 1990er-Jahre hinein gewarnt hat. Damals wurde noch lebhaft über eine drohende Überbevölkerung des Planeten diskutiert. Heute ist die öffentliche Debatte verstummt und das Thema taucht auf der politischen Agenda kaum noch auf. Wäre es nicht an der Zeit, das zu ändern?

Das versuchen wir ja mit unserem Report. Wir wollen damit zu einem neuen Denken anregen und sind gern bereit, über jeden unserer Vorschläge zu diskutieren. Was wir jedoch akzeptieren müssen, ist, dass wir ein Problem mit unserem ökologischen Fußabdruck haben. Es wird so oder so gelöst werden: entweder durch die Natur oder durch unsere eigene Entscheidung.

Ihr Report hat eine kontroverse Diskussion in den Medien und im Internet ausgelöst. Hatten Sie das erwartet?

Ja, damit hatte ich gerechnet. Das war bei den früheren Berichten an den Club of Rome nicht anders. Mit unseren Vorschlägen attackieren wir die Vorstellung, dass der freie Markt alles von selbst regeln wird – und das gefällt manchen natürlich nicht. Doch von einigen Medien und vor allem von Kommentatoren im Internet erhalten wir auch Zuspruch. Manche begrüßen ausdrücklich, dass wir das Thema Überbevölkerung wieder auf die Tagesordnung bringen.

Bei der Vorstellung des Berichts in Berlin erwähnten Sie Ihre Tochter. Ist sie Ihr einziges Kind?

Ja.

In der Pressekonferenz haben Sie Ihre Tochter als gefährliches Raubtier bezeichnet. Hat sie Ihnen das verziehen?

Meine Tochter ist 33 Jahre alt, sie ist Ärztin und versteht sehr gut, was ich damit meine.

Interview: Lilo Berg

Zur Person:
Jørgen Randers (71) lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Klimastrategien an der Handelshochschule BI Norwegian Business School. Von 1994 bis 1999 war er Vize-Generaldirektor der Naturschutzorganisation WWF International. Randers ist einer der Autoren des Weltbestsellers „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972, der 1992 und 2004 aktualisiert wurde. Sein neues Buch „Ein Prozent ist genug“ hat er zusammen mit Graeme Maxton verfasst. Der britische Ökonom ist seit 2014 Generalsekretär des Club of Rome, einer gemeinnützigen Organisation, in der Experten aus mehr als 30 Ländern sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen.

Jørgen Randers, Graeme Maxton: Ein Prozent ist genug – Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Armut und Klimawandel bekämpfen, oekom Verlag München, 2016. ISBN-13: 978-3-86581-810-2

Foto Randers: © BMZ/Photothek 2016; Foto Luftverschmutzung: © David Holt 2015 via Flickr https://flic.kr/p/s3LNvt  (CC BY 2.0); Foto Startseite: Garry Knight 2014 via Flickr https://flic.kr/p/qHqA34  (CC BY 2.0)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5