„Verhütung ist ein uraltes Phänomen“

Sie tranken Säfte aus Efeu und Weidenblättern, griffen zu Amuletten und Frühformen des Kondoms: Auch unsere Vorfahren kannten vielerlei Techniken der Empfängnisverhütung. Wie sich diese seit der Antike entwickelt hat und welche Rolle Obrigkeiten und emanzipierte Frauen spielten, hat der Medizinhistoriker Robert Jütte (Bild: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung) untersucht.

Herr Professor Jütte, in fast allen westlichen Ländern ist die Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Ist das, wie oft behauptet wird, eine Folge der Anti-Baby-Pille? 

Nein, ganz und gar nicht. Dass es Ende der 1960-er Jahre zum berühmten Pillenknick kam, hat mit der Zuverlässigkeit der Anti-Baby-Pille zu tun. Nie zuvor gab es ein derart sicheres Verhütungsmittel. Doch der Geburtenrückgang begann schon viel früher.

Wann setzte er denn tatsächlich ein?

In Deutschland sank die Geburtenrate ab Mitte des 19. Jahrhunderts, in Frankreich und einigen anderen europäischen Ländern war der Trend bereits Ende des 18. Jahrhunderts zu beobachten. Um das Jahr 1900 herum hatte er sich in ganz Europa durchgesetzt. Viele von uns können das an der eigenen Familiengeschichte ablesen: Da hatte die Urgroßmutter vielleicht noch zwölf Kinder, die Großmutter nur mehr sechs und die Mutter noch drei Kinder. Aktuell liegt die Rate bei 1,47 Kindern pro Frau.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Triebfeder ist der wachsende Wohlstand. So nahm in Europa das Pro-Kopf-Einkommen seit 1850 deutlich zu. Die Sozialversicherungen übernahmen Aufgaben, für die zuvor allein die Familien zuständig waren. Um zu überleben, war man nun nicht mehr so sehr auf seine Nachkommen angewiesen.

Die demografische Entwicklung hat Ihrer Ansicht nach also vor allem ökonomische Ursachen?

Ja, das lässt sich historisch an vielen Beispielen nachweisen. Immer liefert wirtschaftliches Wohlergehen den Impuls, der vieles andere möglich macht. Kleinere Familien zum Beispiel und bessere Chancen für jedes einzelne Kind.

Die Pille war also nur ein besonders gutes Mittel zum Zweck?

So ist es. Entscheidend war der Wunsch, weniger Kinder zu haben. Dann suchte man, wie so oft in der Geschichte, nach geeigneten Methoden. Zweifellos nimmt die hormonelle Kontrazeption jedoch eine Sonderrolle unter den Verhütungstechniken ein. Ihre Entwicklung in den 1950er-Jahren war ein mindestens ebenso großer Fortschritt wie die Erfindung des Gummikondoms Mitte des 19. Jahrhunderts.

Sie haben die Geschichte der Empfängnisverhütung  von der Antike bis in die Gegenwart untersucht. Die Menschheit ist demnach schon sehr lange mit dem Thema befasst?

Das kann man wohl sagen. In der Geschichtswissenschaft gilt die Empfängnisverhütung inzwischen als ein universales Phänomen, das zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Gesellschaften zu beobachten ist. Aber erst seit etwa hundertfünfzig Jahren spricht man mehr oder weniger offen über Verfahren zu Beschränkung der Kinderzahl. Davor gab es lediglich blumige Umschreibungen wie zum Beispiel Onans Sünde für den Coitus interruptus. Oder man meinte Schwangerschaftsverhütung und sprach von Mitteln zur Herbeiführung der Regel.

Wie kam es zu solchen sprachlichen Verrenkungen?

Das hat mit jahrhundertealten, von Kirche und Staat tradierten Moralvorstellungen zu tun. Prägenden Einfluss hatte  vor allem der Kirchenvater Augustinus (354 – 430) – er lehnte den Gebrauch  empfängnisverhütender Mittel in der Ehe grundsätzlich ab. Erst mit dem Protestantismus änderte sich diese Haltung allmählich, um später auch von katholischen Gläubigen infrage gestellt zu werden. Heute ist das Tabu um die Empfängnisverhütung weitgehend gebrochen. Zu verdanken ist das vor allem Frauenrechtlerinnen wie Margaret Sanger (1879 – 1966) und ihrem Kampf für das Recht auf Geburtenkontrolle.

Heute gibt es hochwirksame Verhütungsmittel. Wie behalfen sich die Menschen in früheren Jahrhunderten?

Quelle: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien

Recht effektive Praktiken kannte man bereits in der Antike, darunter die Enthaltsamkeit auf Zeit. Auch der ziemlich unsichere Coitus interruptus wurde damals zur Geburtenbeschränkung eingesetzt. Frühformen heutiger Diaphragmen und Kondome waren schon vor Jahrhunderten in Gebrauch und relativ weit verbreitet waren Kräutertränke, etwa aus Weidenblättern, Efeu, Myrrhe oder Farngewächsen. Manches davon enthält nach Erkenntnissen der modernen Pharmakologie durchaus wirksame Substanzen. Aber es kursierten auch abenteuerliche Rezepte. So empfiehlt der Gelehrte Aetios im 6. Jahrhundert folgendes Verhütungsmittel: „Wickele Bilsensamen, der in Eselstutenmilch aufgelöst ist. Trage dieses Amulett am linken Arm und achte darauf, dass es nicht zu Boden fällt.“

Das klingt nach Zauberei, wie sie später den Hexen vorgeworfen wurde. Welche Rolle spielten diese Frauen bei der Verbreitung von Verhütungswissen? 

Keine besonders große. Dennoch hält sich bis heute die Legende von den Hebammen und weisen Frauen, die aufgrund ihres geheimen Wissens Geburten verhindern und Fehlgeburten erzeugen konnten und deshalb verbrennen mussten. Tatsächlich waren Hebammen unter den Opfern der Hexenverfolgung nicht häufiger vertreten als es dem Anteil  ihrer Berufsgruppe in der frühneuzeitlichen Gesellschaft entsprach. Empfängnisverhütung war zu allen Zeiten ein offenes Geheimnis, das sich auch ohne Zutun sogenannter weiser Frauen verbreitete.

Heute sind einige Frauen pillenmüde und bevorzugen sogenannte natürliche, aber weniger zuverlässige Methoden der Empfängnisverhütung. Wie erklären Sie diesen Trend?

Zum einen sind Frauen nicht mehr bereit, die Empfängnisverhütung allein zu schultern. Zum anderen hat es sich herumgesprochen, dass die hormonelle Verhütung auch unerwünschte Nebenwirkungen hat, ja sogar bleibende Gesundheitsschäden hervorrufen kann. Deshalb greifen heute viele Paare zu Methoden, bei denen auch der Mann gefragt ist, etwa zum Kondom. Im Unterschied zur Pille senkt das Kondom zusätzlich das Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten.

Anders als in der westlichen Welt ist die Empfängnisverhütung in vielen ärmeren Ländern nach wie vor problematisch. Welche Entwicklung sehen Sie hier – auch mit Blick auf die dramatische Bevölkerungszunahme?

Es braucht vor allem Zeit. Nehmen wir eine Problemregion wie Afrika als Modell. Am Beispiel Kenias lässt sich zeigen, dass bevölkerungsregulierende Maßnahmen viel Zeit brauchen, bevor sie sichtbare Folgen haben: Bereits 1963 wurde in Kenia das erste staatliche Familienplanungsprogramm beschlossen. Die ersten nachweisbaren Effekte ließen aber mehr als 20 Jahre auf sich warten. In Nordafrika hingegen, etwa in Ägypten und Tunesien, verlief die Entwicklung schneller.

Interview: Lilo Berg

--------------------------
Prof. Dr. Robert Jütte ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung und lehrt Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart.

Literatur:
Robert Jütte: Lust ohne Last. Geschichte der Empfängnisverhütung von der Antike bis zur Gegenwart, Verlag C.H. Beck, 14,90 Euro, ISBN 978-3-406-49430-7

Grafik: ‚Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien

Bild Robert Jütte:  Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung

Bild Startseite: Dirk Vorderstraße 2015 via Flickr https://flic.kr/p/zZhw1H Lizenz CC BY-NC 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5