Wie Ungleichheit entsteht

Eltern sollten keine Unterschiede zwischen ihren Kindern machen und alle gleich gut behandeln: Die meisten Mütter und Väter glauben, dieser Idealnorm zu entsprechen. Sie irren sich, wie eine neue Studie zeigt.

© Martin Diewald

© Martin Diewald

„Wir sehen eine deutliche und gezielte Ungleichbehandlung von Geschwisterkindern“, sagt der Soziologe Martin Diewald (Foto) von der Universität Bielefeld. Diewald zählt zum Leitungsteam von TwinLife, einer repräsentativen Zwillingsstudie zur Entwicklung sozialer Ungleichheit. Erste Ergebnisse der auf zwölf Jahre angelegten Untersuchung wurden kürzlich auf der internationalen Pairfam-Konferenz zur Paar- und Familienforschung in München vorgestellt.

Demnach gibt es bestimmte Muster der Ungleichbehandlung, die von der sozialen Schicht der Eltern abhängen. „Höhere Statusgruppen versuchen, die Leistungsschwächen aller Kinder auszugleichen, untere Statusgruppen fördern in der Regel nur die stärksten Nachkommen“, fasst Martin Diewald einen Kernbefund zusammen. So wisse man aus anderen Untersuchungen, dass Kinder bessergestellter Eltern häufig Nachhilfeunterricht erhalten, um die nächsthöhere Schulform zu erreichen, während weniger privilegierte Eltern ihren schwächelnden Sprössling oft dort  belassen, wo er aus eigener Kraft durchkommt.

Im Ergebnis festige dieses Verhalten die in Deutschland immer noch existierende Ständegesellschaft, sagt Diewald: „Wer oben ist, wird oben gehalten, wer unten ist, kommt nur ausnahmsweise hoch.“ Psychologisch betrachtet, sei dieses Verhalten durchaus plausibel. So empfänden Eltern aus oberen Statusgruppen das drohende Versagen eines Kindes meist als narzisstische Kränkung. Abstieg dürfe in dieser Gesellschaftsschicht nicht sein, sagt der Bielefelder Soziologe – um ihn zu verhindern, würden alle Hebel in Bewegung gesetzt. In Arbeiterfamilien hingegen herrsche ein anderer Konsens: Sozialer Aufstieg ist schön, muss aber nicht sein.

Die Befunde, die Martin Diewald und seine Mitautoren Wendy Johnson und Volker Lang in München präsentierten, basieren auf bundesweiten Befragungen von 2000 Familien mit Zwillingen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Beim ersten Interview waren die Zwillinge 5, 11, 17 oder 23 Jahre alt und standen somit vor entscheidenden Übergängen in Schule, Pubertät, Ausbildung und Beruf (weitere Details siehe Kasten).

Weltweit einmaliger Ansatz

Ihre ersten Befunde haben die Forscher nach sozialwissenschaftlichen und psychologischen Gesichtspunkten ausgewertet. Im laufenden Jahr werde die Stichprobe auf 4000 Zwillingsfamilien ausgeweitet, berichtet Martin Diewald. Im weiteren Verlauf seien darüber hinaus molekulargenetische Untersuchungen vorgesehen, um anlagebedingte Merkmale zu erfassen. Mit einem derart umfassenden Ansatz sei noch nie zuvor nach den Wurzeln sozialer Ungleichheit in Ausbildung, Arbeit, Einkommen, Gesundheit und vielen anderen Lebensbereichen gefahndet worden. 

Zwillinge sind für die Wissenschaft besonders interessant, weil sich bei ihnen die Einflüsse von Genen und Umwelt auf die Entwicklung trennschärfer zeigen. Das Erbgut eineiiger Zwillinge ist zu 100 Prozent deckungsgleich; bei zweieiigen Zwillingen ist dies nur zu rund 50 Prozent der Fall – so wie bei normalen Geschwistern auch. Stimmen also gemeinsam aufwachsende eineiige Zwillinge in einem Merkmal stärker überein als zweieiige, kann man davon ausgehen, dass eine größere genetische Ähnlichkeit die Ursache ist.

Mit TwinLife wolle man herausfinden, was die Gesellschaft aus ihren Mitgliedern macht, sagt Martin Diewald. Dabei gehe es vor allem um das Schicksal der großen Mehrheit, also um die 80 Prozent der normal Talentierten: „Die Hochbegabten setzen sich in der Regel von allein durch, unabhängig von ihrer Herkunft.“

Mit ihrem verhaltensgenetischen Ansatz berührt die Zwillingsstudie neuralgische Punkte der öffentlichen Diskussion – man denke nur an die erregte Intelligenz-Debatte. So könnte sich, was bisher als gesellschaftliche Diskriminierung gesehen wurde, anhand der Untersuchungsdaten als genetischer Nachteil entpuppen. Doch auch der umgekehrte Fall ist denkbar. „Dass bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen nicht durch genetische Unterschiede, sondern durch die Umwelt bedingt sind, erkennen wir daran, dass sie sich auch bei genetisch identischen Zwillingen zeigen“, sagt Diewald. Auswirken dürften sich die Ergebnisse von TwinLife künftig zum Beispiel auf die Frage, wie öffentliche Fördermittel möglichst sinnvoll und gerecht einzusetzen sind.

Unterdessen plant Martin Diewald die nächsten Studien, darunter einen systematischen internationalen Vergleich zur Entwicklung von Ungleichheit auf der Basis verhaltensgenetischer Untersuchungen.

Von Lilo Berg


Zwölf Jahre für die Zwillingsforschung

Die Zwillingsstudie TwinLife erforscht die Entstehung sozialer Ungleichheit, indem sie die sozialen, psychologischen und genetischen Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen erfasst. Dazu dokumentieren Wissenschaftler die Entwicklung von insgesamt mehr als 4000 Zwillingspärchen über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Die zufällig ausgewählte repräsentative Stichprobe umfasst je zur Hälfte ein- und zweieiige Zwillinge.

Die bis zu dreistündigen Befragungen finden im jährlichen Wechsel bei den Familien zu Hause oder per Telefon statt. Interviewt werden nicht nur die Zwillingspärchen, sondern auch ihre Eltern und, falls vorhanden, ein weiteres Geschwisterkind und die Partner bei älteren Zwillingen. Um geschlechtsspezifische Einflüsse zu kontrollieren, berücksichtigt die Studie ausschließlich gleichgeschlechtliche Zwillingspaare. Zudem werden nur Zwillingspaare untersucht, die in der gleichen Familie aufgewachsen sind. Neben Befragungen umfasst die Studie kognitive Tests und sieht in Zukunft auch molekulargenetische Untersuchungen vor.

Geleitet wird die Studie von dem Soziologen Martin Diewald und dem Psychologen Rainer Riemann – beide sind Professoren an der Universität Bielefeld – sowie von Frank Spinath, Psychologie-Professor an der Universität des Saarlandes.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Studie hat im Jahr 2013 begonnen und läuft bis zum Jahr 2025. Nach den Befragungswellen der Jahre 2014 und 2015 liegen jetzt die ersten Auswertungen vor. Die neuen Daten werden in diesem Herbst der Forschergemeinde zugänglich gemacht.


Weitere Informationen: Homepage der TwinLife-Studie

Foto Startseite: © Peter Voermann 2007 via Flickr https://flic.kr/p/NpEz1  CC BY-NC 2.0
 

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5