Kinderlos in Europa

Nicht nur in Deutschland, auch in anderen europäischen Ländern hat die Kinderlosigkeit stark zugenommen. Der gemeinsame Trend hat jedoch überraschend viele Gesichter. Ein neues Buch beleuchtet die Unterschiede und spürt den Ursachen nach.

Manche sehen in ihr die Ausgeburt einer egozentrischen Gesellschaft, für andere ist sie Ausdruck selbstbestimmter Lebensgestaltung: Kinderlosigkeit polarisiert und führt immer wieder zu erregten Diskussionen. Dabei sehen sich vor allem kinderlose Frauen dem Vorwurf ausgesetzt, an der Alterung der Gesellschaft und einer drohenden Überlastung der Sozialsysteme schuld zu sein. Doch ist Kinderlosigkeit wirklich ein exklusives Symptom der Moderne? Und welche Ursachen hat der unverkennbare Trend zu einem Leben ohne Nachwuchs tatsächlich?

Diesen Fragen ist Michaela Kreyenfeld (Foto: Hertie School of Governance) schon vor drei Jahren mit Blick auf Deutschland nachgegangen. Jetzt legt die Soziologieprofessorin an der Berliner Hertie School of Governance eine neue Studie vor, die das Thema im europäischen Kontext untersucht. „Childlessness in Europe“ heißt der demnächst erscheinende Sammelband mit Beiträgen zahlreicher europäischer Autoren, den Kreyenfeld zusammen mit dem Braunschweiger Soziologen Dirk Konietzka herausgibt.

Süd- und Osteuropa holen schnell auf
„Besonders interessant sind die Unterschiede zwischen den Ländern“, sagt Michaela Kreyenfeld. In Deutschland, Österreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz setzte der Trend zur Kinderlosigkeit bereits früh ein. Schon die in den 1950-er Jahren geborenen Frauen blieben vermehrt ohne Nachwuchs. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks stieg die Kinderlosigkeit erst mit dem Zusammenbruch des Kommunismus an. Auch in Südeuropa ist das Leben ohne Nachkommen ein relativ neues Phänomen, wobei sie in einigen Ländern, allen voran Italien, in kurzer Zeit auf mehr als 20 Prozent angewachsen ist.

In den einzelnen Länder-Analysen geht es den Autoren nicht nur um das Ausmaß der Kinderlosigkeit, sie benennen auch Gründe für diese Entwicklung. Dabei stützen sie sich auf ganz unterschiedliche Datenquellen, zum Beispiel auf Bevölkerungsregister und Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Befragungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Generation der zwischen 1950 und 1970 geborenen Frauen: Die meisten von ihnen haben das Ende des gebärfähigen Alters erreicht – ihre endgültige Kinderzahl lässt sich nun also mit großer Sicherheit bestimmen.

Die Entwicklung in Deutschland ist im europäischen Vergleich durchaus bemerkenswert. Wie in keinem anderen europäischen Land nahm in der Bundesrepublik die Kinderlosigkeit kontinuierlich zu und betrifft unter den um 1970 geborenen Frauen bereits 22 Prozent. In der DDR hingegen blieben weniger als zehn Prozent der Frauen kinderlos. Nach der Wende jedoch nahm die Kinderlosigkeit in Ostdeutschland deutlich zu, und zwar ähnlich ausgeprägt wie in anderen ehemals sozialistischen Ländern. Die Ursachen dafür seien vielschichtig, sagt Kreyenfeld – neben ökonomischen Unsicherheiten spielten auch neue Spielräume für die Lebensgestaltung eine Rolle.

Neuer Trend beim Einfluss der Bildung
Auffällig sei, wie sich der Einfluss der Bildung derzeit verändere, sagt Michaela Kreyenfeld: Während die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen nicht weiter steige, holten Frauen mit mittlerer und geringer Qualifikation deutlich auf. Allerdings blieben hoch qualifizierte Frauen immer noch sehr viel häufiger ohne Nachwuchs als andere.

Anders als in Deutschland verläuft die Entwicklung in Großbritannien. Zwar bewegte sich auch dort die Kinderlosigkeit lange auf hohem Niveau, begleitet wurde sie allerdings immer von einer relativ hohen Geburtenrate. „Das deutet auf ausgeprägte Unterschiede im Geburtenverhalten hin – mit vielen Kinderlosen einerseits und großen Familien andererseits“, sagt Kreyenfeld. Der große Anteil kinderloser Frauen geht im Vereinigten Königreich jedoch deutlich zurück.

Sowohl in Österreich wie auch in der Schweiz nahm die Kinderlosigkeit über viele Jahre mit dem Bildungsgrad der Frau zu. Bis zu 35 Prozent der Akademikerinnen der Geburtsjahrgänge um 1960 sind nicht Mutter geworden. Doch ebenso wie in Deutschland fällt dieser Zusammenhang heute schwächer aus. Nach den Gründen für ihre Kinderlosigkeit gefragt, weisen Österreicherinnen besonders häufig auf eine Unvereinbarkeit von Familie und Beruf hin.

Keine Arbeit, kein Partner
Unter den skandinavischen Ländern nimmt Finnland eine Sonderrolle ein: Während Kinderlosigkeit in Norwegen, Schweden, Island und Dänemark nur wenig verbreitet ist, verzeichnet Finnland seit Langem relativ hohe Raten. Vor allem gering qualifizierte Frauen und Männer bleiben dort ohne Nachwuchs – ein Trend, der sich in den letzten Jahren noch verstärkt hat. „Schlecht ausgebildete Männer, die auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen, haben nur selten Erfolg im Partnermarkt“, sagt Michaela Kreyenfeld. Dieser Zusammenhang gelte nicht nur für Finnland, sondern im Prinzip auch für andere Länder.

In Südeuropa ist der hohe Anteil Kinderloser ein relativ neues Phänomen. Durchgesetzt hat er sich vor allem in Spanien und Italien, nicht jedoch in Portugal. Die Ursachen für fehlenden Nachwuchs seien nicht nur in der schwachen Ökonomie zu suchen, sagt Kreyenfeld, auch die Überfrachtung der Familie mit allzu hohen Erwartungen und das Leitbild der aufopferungsvollen Mutter trage dazu bei.

Zwar ist häufig die Rede von einem modernen Trend, doch Kinderlosigkeit war auch früher schon weit verbreitet. Für Frauen, die um das Jahr 1900 zur Welt kamen, lag sie in vielen europäischen Regionen bei 20 Prozent und darüber. Und außerhalb Europas, etwa in den Vereinigten Staaten oder Australien, blieben gar bis zu 30 Prozent der Frauen ohne Nachwuchs. In Deutschland änderte sich das erst mit den in den 1930-er und frühen 1940-er Jahren geborenen Frauen: Nur zehn bis zwölf Prozent von ihnen hatten keine Nachkommen. Es war ein historischer Tiefstand, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder änderte – zuerst in Westdeutschland, dann im übrigen Europa.

Von Lilo Berg

Literatur:
Kreyenfeld, Michaela/ Konietzka, Dirk (Eds.): Childlessness in Europe: Contexts, Causes, and Consequences. Dodrecht: Springer 2016

Konietzka, D., Kreyenfeld, M. R. (Hrsg.): Ein Leben ohne Kinder: Ausmaß, Strukturen und Ursachen von Kinderlosigkeit in Deutschland, Wiesbaden: Springer VS, 2013

Blog Michaela Kreyenfeld: http://blog.population-europe.eu/childlessness-whats-old-whats-new-whats-innovative/

Foto Startseite: Daniele Civello 2011 via Flickr https://flic.kr/p/a9q19g (CC BY-NC 2.0)

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5