Europas kleine Schwergewichte

Liegt es an zu viel Pizza und Pasta? Italienische Kinder bringen jedenfalls deutlich mehr auf die Waage als ihre Altersgenossen in anderen Teilen Europas. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie an Mädchen und Jungen aus sieben europäischen Ländern. Bei der Bestandsaufnahme bleiben die beteiligten Forscher nicht stehen, sie fahnden auch nach den Ursachen übertriebener Körperfülle.

Mit Länderunterschieden habe man gerechnet, dass sie derart deutlich ausfallen würden, sei dann aber doch überraschend gewesen, sagt die Erstautorin der Studie, Claudia Börnhorst vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Die Biostatistikerin hatte mit ihrem Team Angaben zu 7644 maximal elf Jahre alten Kindern aus Belgien, Deutschland, Schweden, Spanien, Ungarn, Zypern und Italien ausgewertet. Als Vergleichswert nutzten die Forscher den Body-Mass-Index, der das Körpergewicht eines Menschen im Vergleich zu seiner Körpergröße bewertet (siehe unten). Demnach sind bis zu 50 Prozent der untersuchten italienischen Kinder übergewichtig oder sogar fettleibig, während dies nur auf 9,7 Prozent der belgischen Kinder zutrifft. Claudia Börnhorst: „Deutschland liegt nach unseren Erkenntnissen im Mittelfeld.“

Die aktuelle Untersuchung ist Teil einer größeren, von der EU geförderten Studie namens IDEFICS. Darin haben sich vor zehn Jahren Forscher aus den genannten Ländern zusammengeschlossen, um mehr über Entwicklung und Ursachen kindlichen Übergewichts zu erfahren und dessen Verbreitung einzudämmen.

Was kindliches Übergewicht anrichtet
Wie überall auf der Welt nimmt der Anteil dicker Kinder auch in unseren Breitengraden deutlich zu – in Deutschland ist er seit den 1980er-Jahren um die Hälfte gestiegen. Inzwischen ist hierzulande jedes sechste bis siebte Kind übergewichtig; bei sechs Prozent liegt sogar eine Adipositas vor, eine krankhafte Fettleibigkeit. All diese Mädchen und Jungen leben mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes oder Asthma in späteren Jahren. Und diejenigen mit starkem Übergewicht leiden oft schon im Kindesalter unter Beschwerden, die sonst nur Erwachsene haben: Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes), Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Gelenkprobleme.

Besonders ausgeprägt ist das Problem offenbar in südeuropäischen Ländern, wie andere Auswertungen im Rahmen der IDEFICS-Studie ergaben. Demnach sind Kinder und Jugendliche in Nordeuropa im Schnitt dünner, sagt Claudia Börnhorst. Das habe mit einer oft gesünderen Ernährung zu tun. Schweden, das zeigten frühere Untersuchungen, punkte beispielsweise mit einem hohen Verzehr von Obst und Gemüse.

Moyan Brenn 2015 via Flickr https://flic.kr/p/rpRqEW CC BY 2.0

Moyan Brenn 2015 via Flickr https://flic.kr/p/rpRqEW CC BY 2.0

„Die viel gerühmte Mittelmeerdiät mit Pflanzenkost, Olivenöl und wenig Fleisch scheint demnach heute vor allem im Norden Europas beherzigt zu werden“, sagt die Bremer Wissenschaftlerin. In Italien hingegen kämen offenbar häufiger Pizza und Pasta auf den Tisch – und, ebenso wie in anderen südlichen Ländern, auch viele industriell hergestellte Fertiggerichte.

Welche Rolle dabei das Einkommen der Familie spielt, erfasst die neue Studie nicht direkt. Sie liefert jedoch indirekte Anhaltspunkte, und zwar über Informationen zum Bildungsabschluss der Eltern. Dieser hat einen starken Einfluss auf das spätere Einkommen. Auffallend deutliche Zusammenhänge zwischen dem Bildungsstatus der Eltern und der BMI-Entwicklung ihrer Kinder fanden die Forscher um Börnhorst vor allem in Deutschland und Spanien.

Dicke Mutter, dickes Kind
Auf der Suche nach den Ursachen für kindliches Übergewicht verfolgte das Forscherteam eine Reihe von Fährten. Ist die Gewichtszunahme der Mutter in der Schwangerschaft ausschlaggebend? Oder die Dauer der Stillzeit? Der BMI der Mutter? Den stärksten Einfluss hat, wie die statistische Auswertung zeigte, tatsächlich der mütterliche BMI. Ist er hoch, bringt auch das Kind mit großer Wahrscheinlichkeit zu viel auf die Waage. In Italien beispielsweise wiesen Kinder mit einer Mutter, deren BMI 25 betrug, im Alter von vier Jahren bereits einen um 0,6 Einheiten höheren BMI auf als Kinder, deren Mutter einen BMI von 20 hatte; im Alter von zehn Jahren war der Unterschied bereits auf 1,5 BMI-Einheiten angewachsen. „Hier spielt das Lernen der Kinder am mütterlichen Modell sicher eine große Rolle“, sagt Claudia Börnhorst.  

Der enge Zusammenhang zwischen dem BMI der Mutter und dem ihres Kindes passt nach Auskunft der Bremer Forscherin zu den Befunden anderer Untersuchungen. So sei  die bekannte Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) wiederholt zu ähnlichen Ergebnissen gekommen – auch mit Blick auf die große Bedeutung des mütterlichen Bildungsabschlusses für den BMI.

Börnhorst und ihr Team werteten Ergebnisse einer Basis-Untersuchung der IDEFICS-Studie von 2007/2008 und einer Nachuntersuchung von 2009/2010 aus. Dabei ermittelten die Forscher nicht nur Körpergewicht und -größe, sie sammelten auch Gesundheitsinformationen zur frühkindlichen Entwicklung, wie sie in Deutschland etwa im Kinder-Untersuchungsheft dokumentiert sind.

Die Untersuchungen der IDEFICS-Studie werden in der EU-finanzierten I.Family-Studie weitergeführt, die das BIPS gemeinsam mit der Universität Bremen leitet. Erste Messungen haben bereits stattgefunden, und zwar an den bereits bekannten Kindern der IDEFICS-Studie – diesmal wurden allerdings auch Eltern und Geschwister einbezogen. Claudia Börnhorst: „Optimal wäre es, wenn wir unsere kleinen Studienteilnehmer bis ins Erwachsenenalter untersuchen könnten.“

Bei künftigen Auswertungen der Studiendaten wollen die Forscher klären, inwieweit sich frühe Prägungen im späteren Leben bewusst verändern lassen, etwa durch Ernährung oder Bewegung. Untersuchungen im Kernspintomografen sollen zum Beispiel zeigen, wie das Gehirn auf bestimmte Lebensmittel reagiert. Genetische Analysen dienen dazu, die biologischen Wurzeln individueller Ernährungsvorlieben zu verstehen. Und mithilfe von Geoinformationssystemen wollen die Forscher den Einfluss der bebauten Umwelt auf den BMI erkunden, etwa durch eine Dokumentation des Straßen- und Wegenetzes im Umfeld ihrer kleinen Probanden. Die Ergebnisse könnten für kommunale Infrastrukturplanungen wichtig sein, sagt Claudia Börnhorst. Die praktische Umsetzung der Studienergebnisse liegt ihr am Herzen: „Dass Übergewicht ungesund ist, wissen wir alle – jetzt geht es um die Frage, wie wir es am besten vermeiden.“   

Von Lilo Berg

Literatur:
Börnhorst Claudia, et al. (2016): Early Life Factors and Inter-Country Heterogeneity in BMI Growth Trajectories of European Children: The IDEFICS Study. PLoS ONE 11(2): e0149268. doi:10.1371/journal.pone.0149268

Tognon Gianluca et al. (2014): Mediterranean diet, overweight and body composition in children from eight European countries: Cross-sectional and prospective results from the IDEFICS study. Nutrition, Metabolism and Cardiovascular Diseases, 24 (2), 205–213

Fernandez et al. (2015): Prospective associations between socio-economic status and dietary patterns in European children: the Identification and Prevention of Dietary- and Lifestyle-induced Health Effects in Children and Infants (IDEFICS) Study. British Journal of Nutrition, 113 (3), 517-525

Foto Startseite: Prabhu B Doss 2008 via Flickr https://flic.kr/p/6gDNMz under CC BY-NC-ND 2.0

Zu dick, zu dünn, gerade richtig?

Der Body-Mass-Index (BMI, Körpermassenindex) drückt aus, in welchem Verhältnis das Körpergewicht eines Menschen zu seiner Größe steht. Er wird mithilfe eines Bruchs berechnet: Dazu teilt man das Gewicht (in kg) durch die Körpergröße im Quadrat (m2). Die berechnete Zahl wird mit den Werten einer BMI-Tabelle verglichen. Diese zeigt an, ob jemand untergewichtig, normalgewichtig, übergewichtig oder fettsüchtig (adipös) ist. Für Kinder und Erwachsene gibt es verschiedene Tabellen, die jeweils nach Geschlecht getrennt sind.

Ein Berechnungsbeispiel: Ein neunjähriges Mädchen ist 1,45 Meter groß und wiegt 42 Kilogramm. Der BMI ergibt sich aus: 42 : (1,45 x 1,45) = 19,98 – ein Wert, der im oberen Bereich des Normalgewichts liegt.
BMI-Rechner: http://www.kinderaerzte-im-netz.de/mediathek/bmi-rechner/

Detail-Ergebnisse aus der IDEFICS-Studie: Im Alter von elf Jahren lag der mittlere BMI italienischer Kinder bei 22,3 (Jungen) und 22,0 (Mädchen). In anderen Ländern bewegte er sich zwischen 18,4 bis 20,3 bei Jungen und 18,2 bis 20,3 bei Mädchen.

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5