Was ist eigentlich kindgerecht?

Der zwölfjährige Rafael mag Computerspiele mit Kampfszenen und ein bisschen Gewalt, die zehnjährige Sophie bevorzugt Youtube-Videos mit viel Romantik und sexy Tanz-Einlagen. Das sind doch modern erzogene Kinder, denken da manche Erwachsene – wieso verfallen sie in alte Rollenmuster? Und sind solche Spiele und Filmchen überhaupt für Kinder geeignet?

Nach Antworten suchte jetzt ein unterhaltsamer Salon der Komischen Oper Berlin und der Schering Stiftung. „Was heißt hier kindgerecht?“ – so lautete das Thema des Abends, dem man sich im launig moderierten Expertengespräch, aber auch durch kurze Videos und Live-Interviews mit Kindern wie Sophie und Rafael näherte. Die beiden sind Mitglieder des Kinderchors der Komischen Oper, der den Abend mit Liedern aus dem Musical „Oliver! musikalisch strukturierte und vom Publikum mit viel Beifall bedacht wurde.

Was also ist von Ballerspielen wie „Lego Marvel Super Heroes“ zu halten? Oder von den lasziven Bildern in Taylor-Swift-Popvideos? „Erwachsene sollten das nicht dramatisieren“, empfahl Herbert Scheithauer, Podiumsgast und Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin. Die wackelnden Pos in Musikvideos würden oft ganz unterschiedlich wahrgenommen – was die Eltern als billige Anmache empfänden, komme bei Kindern meist ganz anders an: „Ihnen gefällt das Lustige, Freche und Rhythmische solcher Produktionen“, sagte Scheithauer.

Von Puppen und Pistolen
Für mehr Gelassenheit warb der Entwicklungspsychologe auch bei kampfbetonten Computerspielen. Die Medienforschung zeige, dass solche Spiele nicht automatisch gewalttätig machten. Scheithauer: „Bei besonders aggressiven Kindern und Jugendlichen kommen immer mehrere Ursachen zusammen.“ Umgekehrt lasse sich auch Friedfertigkeit nicht einfach erzeugen, indem man zum Beispiel kleinen Jungs eine Puppe zum Spielen gibt. „Dann kommen sie eines Tages mit der Spielzeugpistole nach Hause und die Eltern sind entsetzt“, sagte der Psychologe. Sein Fazit: Für ernsthafte Gespräche über Geschlechterrollen und -klischees seien Kinder erst von der Pubertät an zugänglich, vorher sollte man ihnen ruhig Freiraum für ihre Fantasie gönnen.

Dass Kindern relativ viel Zeit für ihre Entwicklung zugestanden wird, ist keineswegs selbstverständlich. Daran erinnerte Johanna Mierendorff, Professorin für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik der frühen Kindheit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Die moderne Vorstellung von Kindheit entstand vor etwa zweihundert Jahren, wirklich durchgesetzt hat sie sich aber erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts“, sagte Mierendorff. Nach dieser Idee hat jedes Kind Anspruch auf Schutz und Entfaltung, wobei es möglichst allen Kindern gleich gut gehen soll – in einer Umgebung, die ihnen keinerlei Erwerbsarbeit abverlangt.

Mobbing ist nicht normal
Die früher weit verbreitete körperliche Züchtigung von Kindern ist heute in Deutschland gesetzlich verboten und weithin als nicht kindgerecht geächtet. Dennoch, so beklagten Johanna Mierendorff und Herbert Scheithauer, komme sie immer noch vor. Ein Problem sei auch die psychische Gewalt gegen
Kinder und Jugendliche durch Gleichaltrige. Erwachsene neigten dazu, das sogenannte Mobbing als harmlos herunterzuspielen, sagte Scheithauer. „Dabei handelt es sich um soziale Gewalt, die keineswegs zu einer normalen Kindheit gehört – ich bin sehr froh, dass sich diese Erkenntnis zunehmend durchsetzt.“ Der Entwicklungspsychologe wies auf erfolgreiche Präventionsprogramme, die in und mit seinem Institut entwickelt wurden, darunter „Medienhelden“ gegen Internetmobbing in Schulen und „Papilio“ zur Prävention von Verhaltensproblemen und Förderung sozial‐emotionaler Kompetenzen im Kindergartenalter.

Das Wissen der Experten hat den Umgang mit Kindern wohltuend verändert – es kann Eltern aber auch überfordern. Seit den 1970er-Jahren nehme die Verunsicherung deutlich zu, hieß es beim Salonabend. Derzeit gebe es einen starken Trend zur Optimierung der Kindheit. Durch gezielte Frühförderung, so die Grundidee, soll der Nachwuchs so getrimmt werden, dass er in einer zunehmend globalisierten Welt bestehen kann. Herbert Scheithauer erinnerte an die Tigermama-Kontroverse, bei der vor einigen Jahren auch hierzulande hitzig über den Wert einer strengen, leistungsorientierten Erziehung gestritten wurde.

Kinder in der Oper
Wie man den Begriff „kindgerecht“ an der Komischen Oper auslegt, erläuterte die Leiterin der Musiktheaterpädagogik des Hauses, Anne-Kathrin Ostrop. Da sei zum einen das große Angebot mit zwei neuen Kinderopern und bis zu acht Kinderkonzerten jährlich sowie rund 350 Workshops für Schulklassen und Familien: „Insgesamt kommen im Jahr etwa 40 000 Kinder ins Haus“, sagte Ostrop.

Besonders gut gefallen den jungen Besuchern Stücke mit einer konsequent erzählten Geschichte und nicht allzu vielen Personen, berichtete die Pädagogin. Am besten sei eine einfache Sprache: „Anleihen bei der Jugendsprache finden die Kinder peinlich.“ Dramaturgisch gebe es keinen Unterschied zum Erwachsenenprogramm, sagte Ostrop: „Bis zur Pause wird der Konflikt ausgebreitet, danach folgt die Lösung.“ Und was ist bei Gewaltszenen in den Stücken? Hier komme es auf die Art der Darstellung an, sagte Anne-Kathrin Ostrop beim Salonabend: „Wir sollten die Kinder nicht unterschätzen – sie wissen ganz genau, was gespielt wird und dass sie im Theater sind.“

Von Lilo Berg

Informationen zu den Salon-Abenden:
https://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/salon-der-komischen-oper/

http://www.scheringstiftung.de

Präventionsprogramme unter Mitwirkung der Freien Universität Berlin:
www.papilio.de

http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/entwicklungswissenschaft/

Foto Startseite: Chris Barber 2015 via Flickr https://flic.kr/p/ACNsw5 under CC BY-NC 2.0

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5