Wie Scheidungskinder die Schule meistern

Wenn die Eltern sich trennen, leiden oft auch die Kinder. Die angespannte Atmosphäre zu Hause, der Auszug von Vater oder Mutter – diese Belastungen können sich negativ auf die Schulleistungen auswirken. Doch es gibt einen starken Schutzfaktor, wie aus einer neuen Studie hervorgeht. 

Demnach bewahrt eine höhere Bildung der Eltern Scheidungskinder vor schulischen Problemen. Dafür genügt es, dass mindestens ein Elternteil Abitur hat, schreibt der Soziologe Michael Grätz in der Fachzeitschrift European Sociological Review. In bildungsferneren Familien, in denen weder Vater noch Mutter Abitur haben, führt die Trennung der Eltern demnach eher zu schlechteren Schulleistungen der Kinder. Ihre Chance, auf ein Gymnasium zu wechseln, sinkt durch die Trennung um fast 15 Prozentpunkte, wie der Wissenschaftler in seiner Studie nachweist. Schlechtere Noten gibt es zudem in den Fächern Deutsch und Mathematik.

Michael Grätz, Bild: Nuffield College

Michael Grätz, Bild: Nuffield College

In einer Zeit, in der viele Beziehungen auseinandergehen, ist die neue Studie von besonderer Bedeutung. So werden in Deutschland nicht nur rund 35 Prozent der Ehen geschieden, auch viele unverheiratete Paare gehen irgendwann wieder verschiedene Wege. Bei der Hälfte aller Trennungen sind minderjährige Kinder betroffen. Ihre Schulnoten entscheiden nicht nur darüber, ob sie nach der Grundschule ein Gymnasium besuchen können, auch die beruflichen Chancen und das künftige Einkommen hängen zu einem erheblichen Teil davon ab.   

In früheren Untersuchungen hieß es gelegentlich, dass die Schulleistungen von Scheidungskindern unter denen anderer Kinder liegen. „Das trifft aber nicht auf alle Mädchen und Jungen zu“, sagt Michael Grätz. Im Rahmen seiner Dissertation am European University Institute wertete der 29-Jährige die Daten von 1648 Jugendlichen aus und verglich dabei die schulischen Leistungen von Heranwachsenden, deren Eltern sich vor deren 15. Lebensjahr getrennt hatten mit denen ihrer älteren Geschwister, die die Trennung erst später miterlebten. Die Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer bundesweit repräsentativen Langzeitstudie, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin betreut wird.

Nachteile ausgleichen
In seiner Doktorarbeit untersuchte Michael Grätz den Einfluss negativer Lebensereignisse auf den Bildungserfolg von Kindern und die Möglichkeiten der Kompensation. Dabei analysierte er nicht nur deutsche und schwedische Daten über Scheidungsfamilien, sondern zum Beispiel auch britische Untersuchungen über die Auswirkungen eines frühen Schuleintrittsalters oder Statistiken zum Alter der Mutter. Bekannt ist, dass besonders früh eingeschulte Kinder und Sprösslinge von jungen Müttern sich häufig schwer tun in der Schule. In allen Teilstudien konnte Grätz nachweisen, dass höher gebildete Familien solche Handicaps deutlich besser ausgleichen können als weniger gebildete Familien.

Von besonderer Bedeutung sei in Trennungsfamilien der Bildungsabschluss des Vaters, sagt der Soziologe. So sackten die Schulleistungen von Kindern höher gebildeter Väter nach einer Scheidung kaum ab. In Regel seien genug finanzielle Mittel und Ressourcen vorhanden, um den Nachwuchs, der häufig bei der Mutter lebt, auch weiterhin zu fördern.

Insgesamt bestätige seine Forschungsarbeit die bekannte soziologische Hypothese über den kompensatorischen Effekt höherer Bildung, sagt Michael Grätz. Welche Mechanismen beim Ausgleich negativer Lebensereignisse im Einzelnen wirken – oder einfacher ausgedrückt: was Kinder stark macht – untersucht Michael Grätz derzeit als Postdoktorand am Nuffield College der britischen Oxford University.

Von Lilo  Berg

Literatur:

Michael Grätz: When Growing Up Without a Parent Does Not Hurt: Parental Separation and the Compensatory Effect of Social Origin, in: European Sociological Review (2015), 31, 546-557, DOI: 10.1093/esr/jcv057
Kurzfassung

Michael Grätz: Compensating Disadvantageous Life Events. Social Origin Differences in the Effects of Family and Sibling Characteristics on Educational Outcomes (2015), PhD thesis, European University Institute Volltext

Foto Startseite: Anfuehrer 2007 via Flickr https://flic.kr/p/2EMSgh

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5