Wie der Geburtenrückgang das Land verändert

Deutschland ist Weltmeister – auch beim Geburtenrückgang. Seit vier Jahrzehnten liegt die Geburtenrate hierzulande dauerhaft unter 1,5 Kindern pro Frau. Das ist so lange wie in keinem anderen Land der Welt und Anzeichen für eine grundlegende Änderung sind nicht zu erkennen. Doch welche Folgen hat die anhaltend niedrige Fertilität für eine moderne Gesellschaft mit ihren vielen Facetten?

Dieser Frage ist Martin Bujard, Forschungsdirektor am Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, nachgegangen. In seiner Studie, die auf Daten des Statistischen Bundesamtes basiert, untersucht der Politikwissenschaftler die Folgen einer dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland für die Politikfelder Rente, Gesundheit, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Kultur, Europäische Union, Internationale Beziehungen und Parteien. Er entwickelt zudem Szenarien für mögliche demografische Entwicklungen und formuliert Empfehlungen für das politische Handeln.

Die Konsequenzen des langjährigen Geburtenrückgangs seien für alle Politikfelder gravierend und in der Summe negativ, schreibt Martin Bujard. Dabei sei die unausweichliche Alterung der Bevölkerung ein größeres Problem als ihr Schrumpfen, denn dieses lasse sich durch verstärkte Einwanderung und mehr Geburten noch abwenden. Auf manchen Gebieten könne man einer langfristig negativen Entwicklung entgegenwirken, vor allem in den Bereichen Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Kultur. Die in der Studie vorgeschlagenen konkreten Maßnahmen seien möglicherweise auch für andere Länder mit anhaltend niedriger Fertilität interessant – etwa für Japan, Südkorea oder auch für etliche süd- und osteuropäische Länder.

„Deutschland ist ein Pionier auf diesem Gebiet“, sagt der Wiesbadener Wissenschaftler. Seit 1975 liege die Geburtenrate beständig bei maximal 1,4 Kindern und damit deutlich unter dem Bestandsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. In anderen westlichen Nationen habe der Dauertrend etliche Jahre später eingesetzt. Bujard: „Dort ist zeitverzögert mit ähnlichen Folgen zu rechnen.“

Mal Glücksfall, mal Niedergang
Mit seinen Prognosen setzt sich der Forscher von Szenarien anderer Wissenschaftler ab. Während einige von ihnen die deutsche Geburtenentwicklung als Lappalie oder gar als Glücksfall betrachten, sehen manche sie als Zeichen des Niedergangs und beschwören zuweilen apokalyptische Szenarien. In beiden Fällen handele es sich um überspitzte Positionen mit spekulativen Grundannahmen, sagt Martin Bujard. Er wolle weder Ängste schüren noch die Situation verharmlosen, sein Ziel sei vielmehr eine neutrale, durchgehend datengestützte Gesamtbilanz des Geburtenrückgangs.

„Manche demografischen Folgen sind klar absehbar, andere beruhen auf Szenarien, von den wir nicht wissen, ob sie eintreffen“, sagt Bujard. Nahezu sicher sei die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Ein Bevölkerungsrückgang sei jedoch nicht zuverlässig zu prognostizieren, heißt es in der Studie, die noch vor dem großen Flüchtlingsandrang verfasst wurde – und in diesem Punkt schon von ihm bestätigt wurde.

Folgen für die Sozialsysteme
Die negativsten Folgen einer dauerhaft niedrigen Fertilität, so ein zentraler Befund der Studie, betreffen die Sozialsysteme. „Zwar sind Horrorszenarien, etwa von einer drohenden Halbierung der Rente,  vermeidbar, und doch wird der Geburtenrückgang den künftigen Wohlstand erheblich reduzieren“, sagt Martin Bujard. So sinke das Rentenniveau von 2030 an für einige Jahrzehnte und die Altersarmut nehme zu. 

Die ökonomischen Folgen des anhaltenden Geburtenrückgangs seien weder eindeutig positiv noch eindeutig negativ, heißt es in der Studie. Dass weniger Menschen weniger kaufen und produzieren, liege als Manko auf der Hand. Ausgleichen ließen sich die Nachteile aber zum Teil durch eine längere Lebensarbeitszeit und verstärkte Bildungsinvestitionen.

Anpassung an eine veränderte Welt
Das Potenzial älterer Menschen schätzt Bujard ähnlich positiv ein wie die Autoren des Leopoldina-Materialienbandes „Produktivität in alternden Gesellschaften“. Der demografische Wandel bietet ihrer Ansicht nach viele Chancen und Wachstumspotentiale. Um sie auszuschöpfen, sei eine Politik der Anpassung erforderlich, schreiben die Herausgeber. Sie setzen dabei auf drei Strategien: Erhöhung der Erwerbsquote, Steigerung der Arbeitsproduktivität und eine stärkere Kooperation mit dem Ausland.  Fazit: „Der demographische Wandel ist keine makroökonomische Katastrophe – er wird erst zu einer, wenn wir verweigern, uns an die veränderte Welt anzupassen.“

Mit deutlichen Veränderungen ist nach Martin Bujard auch auf internationalem Parkett zu rechnen. Innerhalb der Europäischen Union werde das politische Gewicht eines schrumpfenden Deutschlands abnehmen, schreibt er in seiner Studie. In gut zwanzig Jahren hätten Frankreich und Großbritannien eine ähnliche Bevölkerungsgröße, was die Mehrheiten in den wichtigen Entscheidungsgremien zu deren Gunsten verschiebe.

Die Umwelt profitiert nach Erkenntnissen der Studie am meisten von einer schrumpfenden Bevölkerung. Sie könne sich in weiten Teilen des Landes erholen; Vorteile ergäben sich auch für die Stadtplanung.

Familienpolitik als Schlüssel
Dennoch: Unter dem Strich fällt die Bilanz einer dauerhaft niedrigen Fertilität dieser Studie zufolge negativ aus. Das Problem sei durch vermehrte Einwanderung nicht grundsätzlich zu lösen, heißt es darin. Migration könne zwar den Bevölkerungsrückgang bremsen, nicht aber die Alterung. Wirkliche Verbesserungen brächten nur höhere Geburtenraten. Bujard: „Daran muss Deutschland ein fundamentales Interesse haben.“ Die Familienpolitik könnte daher zum entscheidenden Politikfeld der Zukunft werden.

Den jüngst vermeldeten Anstieg der Geburtenziffer auf 1,47 Kinder je Frau führt Bujard auf die familienpolitischen Reformen der letzten Jahre zurück. Nach mehr als vierzig Jahren stagnierender Geburtenraten auf niedrigem Niveau sei die aktuelle Entwicklung sehr spannend. „Für eine echte Trendwende mit Geburtenraten oberhalb von 1,7 ist vor allem eine Zunahme von Mehrkind-Familien notwendig“, sagt der Wiesbadener Wissenschaftler. Dies setze einen kulturellen Wandel  voraus.

Demografisch seien die negativen Effekte für die Sozialversicherungen in den nächsten beiden Jahrzehnten zwar nicht mehr abzuwenden, schreibt Bujard abschließend – auch nicht bei einem zügigen Anstieg der Geburtenrate auf das Bestandsniveau. Zur Mitte des Jahrhunderts hin eröffne ein solcher Anstieg jedoch neue Spielräume. Zugute kämen sie den jungen Menschen von heute, die dann das Rentenalter erreichen.

Von Lilo Berg

Literatur:
Bujard, Martin (2015): Folgen der dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland. Demografische Projektionen und Konsequenzen für unterschiedliche Politikfelder, in: Comparative Population Studies 40, 63-86. [DOI: 10.12765/CPoS-2015-06de]

Axel Börsch-Supan, Marcel Erlinghagen, Karsten Hank, Hendrik Jürges und Gert G. Wagner (Hg.) (2009): Produktivität in alternden Gesellschaften, in: Altern in Deutschland, Band 4, Halle, ISBN: 978-3-8047-2545-4

Foto: Rainer Girsch 2015 via Flickr https://flic.kr/p/rqbRg5

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5