Die Kindheitsmuster der Mütter

Die jungen Mädchen und Frauen kommen aus der Türkei, aus Syrien oder Afghanistan nach Deutschland. In ihren Herkunftsländern sind die Geburtenraten deutlich höher als hierzulande. Werden die Frauen ihrer kulturellen Prägung folgen und früh mehrere Kinder bekommen oder werden sie sich hiesigen Verhältnissen anpassen?

International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies/ Stephen Ryan 2015 - Afghanische Mädchen in Griechenland, First Reception Center

International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies/ Stephen Ryan 2015 - Afghanische Mädchen in Griechenland, First Reception Center

Dass sie wahrscheinlich der von zu Hause mitgebrachten Tradition folgen werden, lässt eine neue Studie über türkische Migrantinnen vermuten. Demnach bekommen Zuwanderinnen, die in der Türkei geboren wurden und erst während der Schulzeit nach Deutschland einwanderten, häufiger und früher Kinder als Frauen, die in Deutschland als Kinder türkischer Eltern geboren wurden. Beide Gruppen haben früher und häufiger Nachwuchs als deutsche Frauen. Zum Vergleich: Während die Geburtenrate hierzulande 1,4 Kinder pro Frau beträgt, liegt sie in der Türkei mit 2,2 Kindern pro Frau deutlich höher.

Die Untersuchung der Sozialwissenschaftlerinnen Katharina Wolf vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung und Sandra Krapf von der Universität zu Köln ist in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschienen. Für ihre Studie werteten die beiden Forscherinnen statistische Daten aus den Jahren 2005 und 2009 von insgesamt 3.000 Frauen mit und 83.000 westdeutschen Frauen ohne Migrationshintergrund aus. Die meisten türkischen Migranten lebten im Westen der Republik, sagt Katharina Wolf – für einen Vergleich seien daher deutsche Frauen aus dieser Region am besten geeignet.   

Wolf und Krapf unterscheiden zwischen Migrantinnen der zweiten Generation – sie wurden bereits in Deutschland geboren – und solchen der 1,5. Generation, die in der Türkei aufwuchsen und dann erst, im Alter von bis zu 16 Jahren, nach Deutschland kamen. In der zugewanderten 1,5. Generation hatten im Alter von 35 Jahren 84 Prozent der Frauen mindestens ein Kind; in der zweiten Migrantinnen-Generation waren es nur 77 Prozent. Bei den westdeutschen Frauen waren es lediglich 63 Prozent. Zum Vergleich weist Katharina Wolf auf eine türkische Erhebung hin: Demnach haben Frauen, die in der Türkei leben, mit 35 Jahren zu 90 Prozent mindestens ein Kind.

Bereits mit 24 Jahren war die Hälfte der in der Türkei geborenen Zuwanderinnen Mutter geworden. Bei den in Deutschland geborenen Frauen aus türkischstämmigen Familien war dies im Alter von 27 Jahren der Fall und bei westdeutschen Frauen erst mit 31 Jahren.

Offenbar habe die frühe Kindheit einen viel stärkeren Einfluss auf die spätere Familienplanung als bisher angenommen, schreiben die Autorinnen der Studie. Nur so seien die deutlichen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen von Migrantinnen zu erklären. Immerhin hätten beide Gruppen einige Jahre in Deutschland gelebt, bevor das erste Kind kam: „Sie hatten die gleichen Rahmenbedingungen und wissen, wie Politik und Gesellschaft zu Kindern und Elternschaft stehen“, sagt Katharina Wolf. Dass die zugewanderten Frauen der 1,5. Generation häufiger und früher Kinder bekommen, habe vermutlich primär mit den Vorstellungen von Familiengründung und Geschlechterrollen in der Türkei zu tun. Kinderlosigkeit zum Beispiel komme dort weitaus seltener vor als in Deutschland und sei auch weniger akzeptiert.

Allerdings scheint Bildung die Macht der Sozialisation zu schmälern. Denn je höher der Schulabschluss von Frauen der 1,5. Generation ist, fand die Studie heraus, desto mehr ähnelt ihr Geburtenverhalten dem von Migrantinnen der zweiten Generation und von deutschen Frauen.

Katharina Wolf: „Man darf gespannt sein, wie es in der dritten Generation weitergeht.“ Die jungen Frauen seien heute um die zwanzig Jahre alt und viele von ihnen durchliefen das höhere Bildungssystem. Wird es bei ihnen zu einer vollständigen Anpassung an das Geburtenverhalten der neuen Heimat kommen oder werden überkommene Muster überdauern? Die Frage lasse sich erst in rund zwanzig Jahren beantworten, wenn die Familienplanung weitgehend abgeschlossen sei, sagt Wolf.

In der Tendenz seien die Ergebnisse der Untersuchung übertragbar auf andere Migrantengruppen, schätzt die Rostocker Wissenschaftlerin. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die Frauen aus Ländern mit höheren Geburtenraten kämen und sich die Wertvorstellungen ähnlich stark unterschieden wie zwischen Deutschland und der Türkei.

Beides trifft auf islamisch geprägte Länder zu, aus denen derzeit die meisten Flüchtlinge und Asylsuchenden nach Deutschland kommen. Für das Hauptherkunftsland Syrien verzeichnet das Statistische Bundesamt eine Geburtenrate von 2,96 Kindern pro Frau, bei Afghanistan sind es sogar 4,9 Kinder pro Frau.

Ist also, vor dem Hintergrund der Rostocker Studie, mit einem neuen Babyboom in Deutschland zu rechnen? Möglich sei das, sagt Katharina Wolf, auch wenn Migranten und Flüchtlinge nicht direkt miteinander vergleichbar seien. Kurzfristig sei jedoch, bedingt durch die Brüche in den Biografien Geflüchteter, eher mit geringeren Geburtenzahlen zu rechnen. Um hier mehr Klarheit zu gewinnen, plädiert die Sozialwissenschaftlerin dafür, zügig aktuelle Daten zu erheben und betroffene Frauen zu befragen.

von Lilo Berg


Literatur:
Sandra Krapf, Katharina Wolf: Persisting differences or adaptation to German fertility patterns? First and second birth behavior of the 1.5 and second generation Turkish migrants in Germany (2015), Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, DOI 10.1007/s11577-015-0331-8

Foto Startseite: International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies/ Stephen Ryan 2015 - Afghanische Mädchen in Griechenland, First Reception Center [https://www.flickr.com/photos/ifrc/], auf Flickr

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5