Mit Genchirurgie gegen Erbkrankheiten?

Von Tabubruch war die Rede, von einer Revolution, die nun auch den Menschen erreicht: Als im Frühjahr bekannt wurde, dass chinesische Forscher menschliche Embryonen im Labor genetisch verändert haben, machte das weltweit Schlagzeilen. Die Wissenschaftler hatten erstmals eine neue Methode zur gezielten Erbgutveränderung am Menschen angewandt. Über die Chancen und Grenzen dieser Technik, die in vielen Bereichen große Fortschritte erwarten lässt, wird seither auch in der Fachwelt lebhaft diskutiert. Position bezieht die Leopoldina in einer gemeinsamen Stellungnahme mit deutschen Wissenschaftsorganisationen.  

In den letzten zwei Jahren hat sich die Arbeit in vielen Gen-Labors grundlegend verändert. An die Stelle aufwändiger und fehleranfälliger Methoden ist ein Verfahren namens CRISPR-Cas9 getreten. Damit lässt sich das Erbgut von Lebewesen punktgenau und relativ einfach verändern. Manche vergleichen das Verfahren mit der Änderung eines Buchstabens in einem Textdokument am Computer und sprechen von genome editing, andere verwenden etwa den Begriff Genchirurgie.

Hochwirksame Antibiotika, umweltfreundliche Treibstoffe, ertragreichere Pflanzensorten und mehr Erfolg im Kampf gegen Malaria – all das erhoffen sich Wissenschaftler von der neuen Methode und laufend kommen neue Ideen hinzu. CRISPR-Cas9 hat einen gewaltigen Forschungsboom ausgelöst und kaum jemand zweifelt daran, dass die Erfinder bald den Nobelpreis erhalten.

Während gezielte Veränderungen im Genom von Tieren und Pflanzen als neue Möglichkeiten der Züchtung zuweilen begrüßt werden, gelten molekulare Eingriffe in das Erbgut menschlicher Embryonen, und damit in die Keimbahn, bislang als tabu. Sie verändern nicht nur den genetischen Bauplan des jeweiligen Individuums, sondern auch den nachfolgender Generationen.

Weltweiter Protest
Die Nachricht, dass chinesische Forscher befruchtete Eizellen mithilfe der neuen Technik verändert haben, löste internationalen Protest aus – in der Öffentlichkeit ebenso wie in der Fachwelt. „Wissenschaftlich nutzlos“, „ethisch nicht zu verantworten“, so lauteten Kommentare in den Forschungsjournalen. Konkret richteten sie sich gegen ein Experiment mit 86 nicht überlebensfähigen Embryonen im frühesten Entwicklungsstadium. Die Forscher wollten jenes Gen verändern, das zu einer in China recht häufigen Blutkrankheit führt. Nur in vier Fällen gelang die Veränderung.

Über den künftigen Kurs wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Einige Forscher sprechen sich für ein generelles Verbot von Keimbahntherapien aus. Zu ihnen gehört etwa die CRISPR-Cas9-Pionierin Emmanuelle Charpentier. Sie sei froh, sagte sie kürzlich in einem Interview, dass viele Länder sich von der Manipulation menschlicher Keimzellen distanziert hätten. Andere Wissenschaftler plädieren dafür, erst einmal die weitere Entwicklung der Technik abzuwarten. Sie sind im Prinzip für die Keimbahntherapie – vorausgesetzt, heutige Fehler der Methode werden reduziert und die Gen-Reparatur rettet nachweislich Leben.

In dieser unklaren Situation fordern seit Anfang des Jahres führende Wissenschaftler in den USA ein Moratorium. Der Ruf nach einem freiwilligen Forschungsverzicht erinnert an eine ähnliche Situation vor gut vierzig Jahren. Das kaum einschätzbare Potenzial der noch jungen Gentechnik hatte damals die Forscher zu einer Denkpause bewogen. Bei der Konferenz im kalifornischen Asilomar beschlossen sie im Jahr 1975 Sicherheitsregeln, an denen sich später die Gesetze vieler Länder orientieren sollten.

Auch deutsche Wissenschaftsorganisationen schließen sich der Forderung nach einem internationalen Moratorium an. Jüngst zum Beispiel in einer gemeinsamen Stellungnahme „Chancen und Grenzen des genome editing“ der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech, der Union der deutschen Akademien der Wissenschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.

Plädoyer für weitere Forschung
Das weltweite Moratorium solle genutzt werden, heißt es in dem Positionspapier, um offene Fragen transparent zu diskutieren und Empfehlungen für künftige Regelungen zu erarbeiten. Vor einer Gefahr wird ausdrücklich gewarnt: „Es (das Moratorium) sollte aber nicht dazu beitragen, die methodische Fortentwicklung und damit die aussichtsreichen neuen Einsatzmöglichkeiten des genome editing für die Forschung und Anwendung generell einzuschränken.“

Mit Blick auf ethisch-juristische und sozialpolitische Fragen, die das genome editing beim Menschen aufwirft, verweisen die Autoren der Stellungnahme auf ein aktuelles Positionspapier der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Darin werden entsprechende Fragen im Detail beleuchtet.

So dürften die neuen Methoden zur Genveränderung den Gesetzgeber schon bald beschäftigen, vermutet Johannes Fritsch, der die gemeinsame Stellungnahme in der Berliner Geschäftsstelle der Leopoldina mitbetreut hat. Zum einen seien Experimente wie das in China durch das deutsche Embryonenschutzgesetz nur unzureichend geregelt. Zum anderen müsse eine Position gefunden werden für den Fall, dass schwere Erbkrankheiten wie Chorea Huntington oder zystische Fibrose per genome editing in der Keimbahn geheilt werden können. Fritsch: „Für die dabei erforderliche Korrektur eines einzelnen Gens ist ein präzises Werkzeug wie CRISPR-Cas9 sehr geeignet.“ Sobald die Therapie irgendwo auf der Welt gelinge, werde die Nachfrage auch hierzulande groß sein.

Doch zunächst geht es um ein Moratorium. Ob es ausgerufen wird, könnte sich schon bald entscheiden. Beim International Summit on Human Gene Editing trifft sich vom 1. bis 3. Dezember in Washington die weltweite Elite der Lebenswissenschaftler, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Veranstalter ist neben der US-National Academy of Sciences  unter anderem die Chinese Academy of Sciences; eingeladen sind auch mehrere Vertreter deutscher Wissenschaftsorganisationen.

Von Lilo Berg

Weiterführende Informationen:

Stellungnahme „Chancen und Grenzen des genome editing“

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (2015): Genomchirurgie beim Menschen – zur verantwortlichen Bewertung einer neuen Technologie

Aktuelle Veranstaltung zum Thema:
Genomchirurgie: Keimbahntherapie beim Menschen?
Mittwoch, 11. November 2015, 15.30 Uhr, Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal, Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin

Foto Startseite:By Webridge (revised from) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5