„Flüchtlingskinder müssen oft viel Aggression ertragen“

Gut eine Million Flüchtlinge suchen in diesem Jahr Schutz in Deutschland, darunter viele Heranwachsende. Sie sind vor Terror und Gewalt in ihrer Heimat geflohen und haben oft schlimme Erfahrungen gemacht. Die seelische Not lindern soll ein psychosoziales Selbsthilfetraining, das der Berliner Psychiater Andreas Heinz derzeit mit seinem Team entwickelt.

Herr Professor Heinz, etwa die Hälfte der Flüchtlinge, die aus Krisengebieten nach Deutschland strömen, sind Kinder und Jugendliche. Wie geht es ihnen psychisch?
Genau lässt sich das nicht sagen, dazu ist die Situation noch zu unübersichtlich. Aber wir müssen davon ausgehen, dass 20 bis 50 Prozent von ihnen traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, die ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Welche Erfahrungen sind für Kinder und Jugendliche traumatisierend?
Im Prinzip gibt es da keine großen Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Ausgelöst werden Traumata durch katastrophale Ereignisse, die das Leben nachhaltig negativ verändern. Besonders schlimm ist es, wenn ein Mensch dabei ausgesondert wird. Daher hinterlässt eine Vergewaltigung oft tiefere Spuren in der Psyche als eine Naturkatastrophe, der eine ganze Region ohne Unterschied ausgesetzt ist.

Welche Folgen kann das haben?
Häufig kommt es zu Panikattacken oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Wer darunter leidet, reagiert oft sehr gereizt, wenn Erinnerungen an das traumatisierende Ereignis aufsteigen. Das kann schnell passieren, wenn fremde Menschen sich nahe kommen – in einer Warteschlange zum Beispiel oder in Massenunterkünften. Auf einmal ist das schreckliche Erlebnis wieder da und die Betroffenen fühlen sich angegriffen. In solchen Situationen kann es zu Gewaltausbrüchen kommen.

Kinder und Jugendliche sind solchen Ausbrüchen schutzloser ausgeliefert sind als Erwachsene.
Ja, sie müssen oft viel Aggression ertragen. In Krisenzeiten nimmt die häusliche Gewalt insgesamt zu, das wissen wir aus der Forschung. Ich habe das auch selbst bei einem psychiatrischen Projekt in Afghanistan beobachtet. Dort versuchen manche Väter, ihren abrutschenden sozialen Status durch Gewalt gegen Angehörige zu retten.

Man muss sich also Sorgen um die psychische Gesundheit von Flüchtlingen und ihren Kindern machen?
Risiken gibt es zweifellos, aber wir sollten sie nicht dramatisieren. Auch bei uns leidet ein Drittel der Bevölkerung an psychischen Beschwerden – das kann eine depressive Verstimmung sein oder bei Kindern eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Wir wissen weiterhin, dass Menschen, die eine Migration wagen, meist gesünder als der Durchschnitt sind – auch in psychischer Hinsicht. Und nicht jeder, der traumatisierende Erlebnisse hatte, braucht eine Therapie. Manchmal wirken auch günstige Lebensumstände heilsam.

Wie sieht eine heilsame Umgebung aus?
Eine vernünftige Schul- und Berufsausbildung ist wichtig. Menschen brauchen eine Zukunftsperspektive, Anerkennung in der Gemeinschaft und eine gewisse Normalität im Alltag. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich in Ruhe zurückziehen zu können. 

Noch aber leben viele Flüchtlinge in einer Ausnahmesituation, die kaum Privatsphäre erlaubt. Wie ist da psychische Gesundheit möglich?
Um hier eine erste Hilfe bieten zu können, entwickeln wir gerade ein bewusst einfach gestaltetes Selbsthilfe-Programm. Es enthält Übungen zur Muskelentspannung, mit denen man sich in schwierigen Situationen selbst beruhigen kann. Außerdem werden die Menschen ermutigt, sich über ihre oft belastenden Erfahrungen auszutauschen, und sie bekommen Informationen über unser Land.

Das klingt gut, aber wird damit das angestrebte Ziel erreicht?
Was uns zuversichtlich stimmt, sind die guten Erfahrungen mit ähnlichen Kursen in anderen Kontexten. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem israelischen Wissenschaftler und Psychotherapeuten Rony Berger zusammen, der sich sehr für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt und entsprechende Programme entwickelt hat. Mit ihm Team ist auch das Berliner Institut für Integration und empirische Migrationsforschung. Die Psychotherapeutin Inge Missmahl, die sie vielen Jahren psychosoziale Berater in Afghanistan ausbildet, unterstützt uns mit ihrer Expertise.

Täglich kommen Tausende Flüchtlinge neu nach Deutschland. Erreichen Sie die vielen Menschen schnell genug?
Das hoffen wir und deshalb setzen wir auf ein Schneeballsystem. Geflüchtete, die das Programm in rund zwei Wochen erlernt haben, sollen ihr Wissen an andere weitergeben, so dass es sich schnell ausbreiten kann. Die Fachleute, also vor allem Ärzte, Schwestern, Pfleger und Sozialarbeiter,  können sich dann auf Beratung und Qualitätskontrolle konzentrieren. Wir werden das Programm voraussichtlich im November in Berlin testen und hoffen, es schon im Dezember anbieten zu können.

Ist die Selbsthilfe-Ausbildung auch für Heranwachsende geeignet?
Wir überlegen derzeit, eine spezielle Variante für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.

In welcher Sprache wollen Sie die Fertigkeiten vermitteln?
Nach Möglichkeit in der Muttersprache der Flüchtlinge. Auf professionelle Dolmetscher werden wir aus finanziellen Gründen selten zurückgreifen können. Wir wollen daher mit Therapeuten zusammenarbeiten, die aus diesen Regionen kommen und jetzt in Berlin ansässig sind. Auch unter den Geflüchteten gibt es Ärztinnen und Ärzte, die sich vielleicht beteiligen.

Und wenn sich herausstellt, dass das Selbsthilfe-Training bei manchen Menschen nicht ausreicht, weil sie schwer traumatisiert sind?
Dann ist professionelle Hilfe erforderlich. Sobald es entsprechende Anzeichen gibt, sollte rasch ein Gespräch mit einem Facharzt ermöglicht werden. Dafür plädiert auch die gerade erschienene Stellungnahme der Leopoldina zur Gesundheitsversorgung Asylsuchender. Im ärztlichen Erstgespräch wird geprüft, ob weitergehende Behandlungen erforderlich sind. Es gibt hochwirksame Trauma-Therapien, die allerdings Zeit brauchen.

Helfen diese Therapien auch Kindern und Jugendlichen, die durch Krieg und Flucht traumatisiert sind? 
Ja, sogar sehr. Kinder und Jugendliche sind zwar besonders empfindlich, vor allem wenn sie ihre Eltern und Angehörigen verloren haben und allein hier ankommen. Aber die meisten von ihnen sind ausgesprochen lernfähig und flexibel. Was ihnen jetzt an Hilfe zuteil wird, wird ihr ganzes Leben positiv beeinflussen.

Interview: Lilo Berg

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde ist er zuständig für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie und Suchtmedizin. Andreas Heinz ist Mitglied der Leopoldina.

Weiterführende Informationen:
Kurz-Stellungnahme der Leopoldina vom 15. Oktober 2015:
„Zur Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden“

Foto Startseite: By Rebecca Harms from Wendland, Germany (Ungarn September 2015) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5