Gute Schulleistungen – auch nach künstlicher Befruchtung

Weltweit wurden bereits mehr als fünf Millionen Kinder nach einer künstlichen Befruchtung geboren und täglich kommen neue hinzu. In Deutschland liegt ihr Anteil an allen Geburten bei rund drei Prozent und der Trend weist klar nach oben. Doch wie entwickeln sich diese Kinder auf lange Sicht? Können sie zum Beispiel in der Schule mithalten?

Eine groß angelegte Studie aus Dänemark lässt besorgte Eltern aufatmen. Demnach schneiden per In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugte Jugendliche im Unterricht genauso gut ab wie ihre Altersgenossen, die auf natürlichem Weg entstanden sind. Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Reproduktionsmedizinisch gezeugte Zwillingen weisen keine schlechtere Schulleistungen auf als auf gleichem Weg gezeugte Einzelkinder.

Diese Ergebnisse wurden kürzlich auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) in Lissabon vorgestellt. Das Forscherteam um die Medizinstudentin Anne Laerke Spangmose Pedersen von der Kopenhagener Universitätsklinik Hvidovre konnte für ihre Studie ein Register mit Daten aller zwischen 1995 und 2000 in Dänemark nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung geborenen Sprösslinge nutzen. Dänemark ist das Land mit der weltweit höchsten Rate an Kindern, die nach assistierter Reproduktion zur Welt kamen – aktuell liegt der Anteil bei gut fünf Prozent aller Geburten.

Die Untersuchung bezieht sich auf eine Gruppe von mehr als 8000 per IVF gezeugter Mädchen und Jungen, darunter fast 5000 Einzelkinder und rund 3000 Zwillingskinder. Deren Schulleistungen in der neunten Jahrgangsstufe wurden mit großen Gruppen dänischer Zwillinge und Einzelkinder gleichen Alters verglichen, die auf natürlichem Weg gezeugt waren.

Es handelt sich um die erste landesweite Erhebung der Schulleistungen von IVF- Kindern dieses Alters – bisher wurden nur kleinere Gruppen von jüngeren Kindern untersucht. In der neunten Jahrgangsstufe sind Jugendliche typischerweise 15, 16 Jahre alt. Es ist eine entscheidende Phase im Werdegang junger Menschen, in der auch die großen internationalen Schulleistungstests wie PISA stattfinden. Bis zur neunten Jahrgangsstufe absolvieren Schüler in den meisten Ländern ein vergleichbares Pensum, danach trennen sich häufig ihre Wege. In Dänemark, und das war für die Studie der dänischen Fortpflanzungsmediziner ein großer Vorteil, schließen alle Schüler die neunte Klasse mit einem Test ab. Beurteilt wird nach einer Skala, die von -3 bis 12 reicht; der Durchschnittswert liegt bei 7.

Interessanterweise erreichten die einzeln zur Welt gekommenen IVF-Kinder zunächst höhere Werte als die natürlich gezeugte Vergleichsgruppe (7,71 Punkte versus 6,75 Punkte). Dieser Unterschied verschwand jedoch, nachdem mögliche statistische Verzerrungen durch  Alter und sozioökonomische Situation der Mutter sowie Geschlecht, Geburtsgewicht und Reife des Säuglings in der Auswertung berücksichtigt wurden.

Was der Überprüfung jedoch standhielt, waren knapp um einen Punkt höhere Leistungen bei IVF-Zwillingen gegenüber natürlich empfangenen Zwillingen und um 0,36 Punkte höhere Leistungen bei IVF-Zwillingen gegenüber IVF-Einlingen.

„Wir sind sehr froh über diese Ergebnisse“, sagte Anne Laerke Spangmose Pedersen auf dem ESHRE-Kongress. Schließlich hätte es auch anders kommen können – angesichts der höheren Rate von Frühgeburten bei IVF-Kindern, vor allem bei Mehrlingen. Dadurch zuweilen entstehende Entwicklungsdefizite wüchsen sich offenbar aus, sagte die angehende Medizinerin. Sie plädiert für eine langfristige wissenschaftliche Begleitung von reproduktionsmedizinisch gezeugten Kindern, auch um mögliche Effekte neuer Fortpflanzungstechniken im Blick zu behalten.

Zu ähnlichen Ergebnissen wie die dänische Studie kam eine US-Untersuchung, die im Jahr 2010 weltweit Schlagzeilen machte. Darin hatten Wissenschaftler um den Geburtsmediziner Bradley van Voorhis von der University of Iowa die Schulleistungen von rund 800 Kindern aus dem Bundesstaat Iowa erhoben. Die Schülerinnen und Schüler waren zwischen 8 und 17 Jahren alt, etwa die Hälfte von ihnen hatte nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung das Licht der Welt erblickt. In ihren Schulleistungen übertraf diese Gruppe, wie die Forscher überrascht feststellten, ihre auf natürlichem Weg gezeugten Altersgenossen. Mögliche Gründe dafür seien, spekulierte Bradley van Voorhis damals, das höhere Alter und die bessere Ausbildung der Eltern.

Dass es inzwischen immer mehr Studien zum Langzeitverlauf nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung gibt, freut Thomas Strowitzki, Ärztlicher Direktor der Abteilung Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Die aktuelle dänische Untersuchung bestätige frühere Studien, die auch bei fünfjährigen oder achtjährigen Kindern keine Unterschiede in der geistigen Entwicklung fanden. Thomas Strowitzki: „Die Ergebnisse sind für betroffene Eltern, Kinderwunschpaare und behandelnde Ärzte sehr ermutigend.“

Von Lilo Berg

Weiterführende Informationen:

Spangmose Pedersen, A. L. et al. (2015): Academic performance in adolescent children at 9th grade of primary school born after assisted reproductive technology (ART) – a national controlled cohort study

Van Voorhis, B. et al. (2010): Achievement test performance in children conceived by IVF, Human Reproduction 25 (10): 2605-2611
doi: 10.1093/humrep/deq218

Bay B. (2014): Fertility treatment: long-term growth and mental development of the children. Dan Med J. 61(10):B4947

Leunens L. et al. (2006): Cognitive and motor development of 8-year-old children born after ICSI compared to spontaneously conceived children. Hum Reprod.;21(11):2922-9

Foto Startseite: Babywand des Embryologen Philip Milne (2008), via Flickr https://flic.kr/p/5B7qt6

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5