Moderne Flitterwochen

Häufiger Sex: Was am Anfang einer Beziehung so einfach erscheint, verliert im Laufe der Jahre an Schwung. Was ist passiert? Dieser Frage geht eine neue Studie nach.

Sie hatte nur noch Augen für ihn, er war besessen von ihr. Sie trafen sich oft und jedes Mal hatten sie Sex. Doch schon nach einem Jahr ließ das große Begehren nach. Im Bett kuscheln sie jetzt viel. Die beiden lieben sich, sie wollen zusammenbleiben. An die Glut des Anfangs denken sie mit Wehmut. Geht es nur uns so, fragen sie leise, oder ist das normal?

So ist der Lauf der Dinge, sagt die Lebenserfahrung, und die bisherige Forschung bestätigt das. Die ersten Daten stammen von dem US-Wissenschaftler Alfred Kinsey: In seinen Reports über das Sexualverhalten der Amerikaner berichtete er vor mehr als sechzig Jahren über die sinkende Sex-Frequenz im Verlauf fester Beziehungen. Kinsey hatte allerdings nur verheiratete Paare befragt, spätere Untersuchungen beschränkten sich ebenfalls auf diese Gruppe.

Eine neue Studie nimmt jetzt neben verheirateten auch unverheiratete heterosexuelle Paare in den Blick. Das Zusammenleben ohne Trauschein werde zunehmend üblich, schreiben die Sozialwissenschaftlerinnen Jette Schröder und Claudia Schmiedeberg in der Fachzeitschrift Social Science Research. Doch nimmt auch in diesen modernen Konstellationen die Sexhäufigkeit irgendwann ab? Wann genau setzt dieser Prozess ein? Und welche Gründe gibt es dafür? Um solche Fragen zu beantworten, werteten Schröder und Schmiedeberg Daten der deutschen Studie Pairfam aus, für die seit 2008 mehr als 12 000 Männer und Frauen jährlich nach ihrer familiären Situation und der Entwicklung ihrer Partnerschaft befragt werden.

Das verflixte zweite Jahr
Wie sich herausstellte, kommt es meist schon im zweiten Jahr einer festen Beziehung zu einem deutlichen Rückgang sexueller Begegnungen. Die Studie zählt dann im Vergleich zum ersten Jahr knapp fünf Akte weniger pro Monat. Im vierten Jahr der Partnerschaft sind es sogar sieben Akte weniger. Danach stabilisiere sich die Situation, schreiben die Autorinnen.

Wie sehr das Liebesleben unter einer Elternschaft leiden kann, hatten schon frühere Studien beschrieben. Auch Schröder und Schmiedeberg beobachten diesen Effekt, insbesondere für die ersten Monate nach der Geburt. Mit zunehmendem Alter des jüngsten Kindes jedoch, so schreiben sie, erhöhe sich auch die Sexfrequenz. Nach dem sechsten Lebensjahr des jüngsten Sprösslings sei der dämpfende Kinder-Effekt nahezu ausgeglichen.

Sehr bedeutsam für die sexuelle Aktivität ist der Studie zufolge auch die Art des Umgangs miteinander. Ein negativer Kommunikationsstil hat demnach weniger intime Begegnungen zur Folge; umgekehrt erhöht sich die Frequenz, sobald die Partner ihr Miteinander verbessern.

Den stärksten Einfluss auf die Häufigkeit sexueller Akte habe die Dauer der Beziehung, heißt es in der Untersuchung. Weder die Länge des Zusammenlebens noch die Dauer einer eventuellen Ehe seien von vergleichbarer Relevanz. Nach dem ersten Kennenlernen lodert das Feuer der Leidenschaft heute offenbar für gut ein Jahr – und dauere damit etwa so lange wie der gute alte Flitterwochen-Effekt früherer Generationen.

Von Lilo Berg

Weiterführende Informationen:
Schroeder J, Schmiedeberg C (2015): Effects of relationship duration, cohabitation, and marriage on the frequency of intercourse in couples: Findings from the German panel data, Social Science Research 52: 72-82

Pairfam - das Beziehungs- und Familienpanel

Bildnachweis Startseite: Jason Corey 2014, on Flickr CC BY 2.0 https://flic.kr/p/pZVKBo

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5