Großfamilien sind selten geworden

Noch in den Siebzigerjahren hatten rund 30 Prozent der Frauen in Deutschland drei oder mehr Kinder. Heutzutage liegt ihr Anteil nur noch bei etwa 15 Prozent. Wissenschaftler des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden haben die Gründe für den schwindenden Kinderreichtum untersucht.

Nirgendwo in Europa kommen weniger Kinder zur Welt als in Deutschland. Die niedrigen Geburtenzahlen haben jedoch weniger damit zu tun, dass hierzulande viele Frauen kinderlos bleiben: Hauptursache sei der schwindende Kinderreichtum in den Familien, schreiben Detlev Lück, Manfred Scharein, Linda Lux, Kai Dreschmitt und Jürgen Dorbritz in einem kürzlich veröffentlichten Working Paper. Diese Online-Publikation gibt das BiB in unregelmäßigen Abständen heraus.

Die Wissenschaftler werten in ihrem Paper die aktuelle Forschungsliteratur zum Thema Kinderreichtum aus und kommen dabei vor allem zu einem Schluss: Damit eine Frau mehr als zwei Kinder bekommt, müssen möglichst viele Rahmenbedingungen stimmig sein. Idealerweise hat die Frau einen ausgeprägten Kinderwunsch, einen geeigneten Partner und eine gesicherte Lebensperspektive. Als eine weitere wichtige Voraussetzung, um kinderreich zu werden, erweist sich zudem ein eng getakteter Lebenslauf, in dem zwischen der Partnerfindung, erster und zweiter Geburt nur wenig Zeit vergeht.

Gering- und Gutverdienende haben die meisten Kinder

Bei ihrer Analyse legten die Forscher besonderes Augenmerk auf die sozio-demografischen Determinanten von Kinderreichtum – wie beispielsweise Bildung, Einkommen, Erwerbs- und Wohnsituation. Dabei stellten sie fest, dass zum einen Personen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen, zum anderen die überdurchschnittlich gut Ausgebildeten und Verdienenden häufiger als andere Menschen Eltern von drei oder mehr Kindern sind. Die Wissenschaftler weisen allerdings darauf hin, dass ein niedriges Einkommen nicht nur eine Ursache für Kinderreichtum, sondern auch eine Folge davon sein kann – zum Beispiel weil die Mutter in kinderreichen Familien oft nicht mehr erwerbstätig ist.

Im Hinblick auf die Wohnsituation konnten die BiB-Wissenschaftler feststellen, dass kinderreiche Familien zwar häufiger als andere über Wohneigentum verfügen, der pro Kopf verfügbare Wohnraum im Schnitt aber dennoch geringer ist als bei Familien mit maximal zwei Kindern. Auch hier, betonen die Forscher, sei es aber schwer zu ermitteln, inwieweit die Wohnsituation Ursache oder Folge von Kinderreichtum sei.

Die eigene Erfahrung prägt

Wichtige Determinanten des Kinderreichtums finden sich auch in der Biografie und in der Herkunftsfamilie. Beispielsweise wirke sich eine große Geschwisterzahl positiv auf die Zahl der eigenen Kinder aus, berichten die Wissenschaftler. Auch Eltern, die bei der Betreuung ihrer Kinder auf die Unterstützung der Großeltern bauen können, haben häufiger drei oder mehr Kinder als Paare, denen diese Unterstützung fehlt. Darüber hinaus erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Geburt eines dritten Kindes, wenn Eltern zwei Kinder des gleichen Geschlechts haben.

Unter religiösen Menschen ist der Analyse zufolge Kinderreichtum häufiger als unter nicht religiösen und unter Katholiken häufiger als unter Protestanten. Auch in Familien mit Migrationshintergrund leben öfter drei oder mehr Kinder als unter Nicht-Migranten.

Der überwiegende Teil der Literatur zum Thema Kinderreichtum beziehe sich allzu pauschal auf Familien, in denen drei oder mehr Kinder leben, monieren die BiB-Wissenschaftler. Für die Zukunft sei eine Differenzierung wünschenswert, und zwar zwischen Eltern mit vielen gemeinsamen Kindern und Patchworkfamilien, in denen jeder der Partner eigene Kinder mit in die neue Großfamilie gebracht hat.

Weiterführende Informationen:
Lück, Detlev; Scharein, Manfred; Lux, Linda; Dreschmitt, Kai; Dorbritz, Jürgen (2015): Nur wenn alle Voraussetzungen passen. Der Forschungsstand zu Kinderreichtum. BiB Working Paper 3/2015. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Foto Startseite: Bundesarchiv, Bild 194-0078-31 / Lachmann, Hans / CC-BY-SA

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5