Auch Migranten schieben Familiengründung auf

Es gibt viele Studien zum Geburtenprofil und den Lebens- und Familienformen von türkischstämmigen Migranten. Wenig ist hingegen über das demografische Verhalten anderer Migrantengruppen bekannt. Mit einer kürzlich angelaufenen Untersuchung soll diese Lücke geschlossen werden. Die ersten Ergebnisse zeigen auffällige Unterschiede im Geburtenprofil von Aussiedlern und türkischen Zuwanderern.

„Während die Erstgeburtenrate für türkische Migrantinnen kurz nach der Übersiedlung nach Deutschland deutlich erhöht ist, finden wir ein derartiges Muster bei Aussiedlern nicht“, berichtet Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Die von ihr gemeinsam mit Sandra Krapf von der Universität zu Köln geleitete Studie wurde kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie in Berlin erstmals vorgestellt. Endgültige Resultate seien erst in zwei Jahren zu erwarten, betont Kreyenfeld, Zwischenergebnisse werde man jedoch voraussichtlich noch in diesem Jahr publizieren.

Die Studie basiert auf den Daten von repräsentativen Haushaltsbefragungen in den Jahren 2008 und 2012. Beide Mikrozensen liefern nicht nur umfassende Informationen zum Migrationshintergrund, auch die Kinderzahl von Frauen wurde erhoben und dazu Daten, aus denen sich die Geburtszeitpunkte rekonstruieren lassen.

Schnelle Anpassung an deutsche Verhältnisse
Aussiedler, die von Mitte der 1980er-Jahre bis Ende der 1990er-Jahre aus Ländern des ehemaligen Ostblocks nach Deutschland strömten, machen heute annähernd vier Prozent der Bevölkerung aus; sie sind damit die größte Gruppe mit direktem Migrationshintergrund. Wie die neue Studie zeigt, passte sich ihre Geburtenrate recht schnell deutschen Verhältnissen an. Im Trend entsprach die Entwicklung derjenigen in den Herkunftsregionen, wo die Geburtenrate nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rapide sank. Bis heute liegt der Wert in diesen Ländern ebenso wie in Deutschland deutlich unter der magischen Zahl von 2,1 Kindern pro Frau, die für den Erhalt einer Bevölkerung notwendig sind.

Eine äußerst geringe Geburtenrate verzeichnet die neue Studie auch bei den Migrantengruppen, die auf die Aussiedlerwellen folgten. Vom Jahr 2000 an sind dies vor allem Angehörige aus Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union und vom Jahr 2005 an zusätzlich viele Frauen und Männer aus EU-Ländern. „Diese Leute sind oft hochqualifiziert, sehr mobil und häufig ungebunden“, sagt Michaela Kreyenfeld. Weil viele von ihnen noch jung seien, lasse sich ihre Kinderzahl nicht abschließend beziffern. Auffällig sei der relativ hohe Anteil gut ausgebildeter Frauen, die ihren Männern nach Deutschland folgen, selbst jedoch keine eigene Arbeit aufnähmen.

Während türkische Migrantinnen oft gleich nach der Übersiedlung nach Deutschland ihr erstes Kind bekommen, ist dies bei Frauen aus der EU oder aus Drittstaaten nicht der Fall – sie schieben die Geburt auf. „Grund dafür ist häufig einer turbulente Migrationsgeschichte mit vielen Umzügen“, sagt die Rostocker Forscherin. Türkinnen dagegen kämen nicht selten zum Zweck der Heirat und Familiengründung nach Deutschland.

Unterschiede zu Frankreich und Belgien
Aber auch bei türkischstämmigen Frauen sei ebenso wie bei anderen Migrantengruppen eine Anpassung an deutsche Kinderzahlen zu erkennen, sagt Kreyenfeld. Etwas anders verlaufe die Entwicklung in Ländern wie Frankreich oder Belgien: „Zwar sehen wir auch dort einen Trend zur Angleichung, aber noch liegt die Fertilität der Migranten deutlich über derjenigen von Einheimischen.“

In Deutschland aber tragen Migranten nicht wesentlich zur Erhöhung der Geburtenrate bei: Auch dieses Fazit lässt sich aus den bisherigen Ergebnissen der Studie ableiten. Die Lust aufs Kinderkriegen bleibt hierzulande gering – trotz aller politischen Reformen der letzten Jahre mit ihren deutlichen Verbesserungen für junge Familien.

Von Lilo Berg

 

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Bildnachweis: slimjim 2011: redscaled family. flickr creative commons licence https://flic.kr/p/9btnsv

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5