„Migrantinnen stehen unter großem Druck“

Sonja Haug, Sozialwissenschaftlerin aus Regensburg, über Kinderwünsche, Fortpflanzungsmedizin und die Wissenslücken bei Frauen ausländischer Herkunft

Sie haben gerade eine Umfrage unter tausend Frauen abgeschlossen: Wie groß ist der Informationsbedarf beim Thema Reproduktionsmedizin?
Er ist riesig, vor allem bei Migrantinnen.

Dabei quillt das Internet geradezu über vor Wissen, es gibt Broschüren in mehreren Sprachen und Beratungsstellen stehen auch Migrantinnen offen.
Das stimmt. Doch selbst wenn muttersprachliche Fachinformation verfügbar ist, gelangt sie nicht in gewünschtem Umfang zur Zielgruppe.

Woran liegt das?
Offenbar ist der Zugang zu den Wissensquellen für Migrantinnen schwieriger als für Frauen deutscher Herkunft. Das hat mit dem durchschnittlich geringeren Bildungsniveau zu tun, mit unterschiedlicher Mediennutzung und der größeren Hemmung, Familienangelegenheiten in Beratungsstellen zu besprechen. Auch kulturelle und religiöse Besonderheiten spielen eine Rolle.

Wie groß ist die Zahl der Frauen, um die es hier geht?
Fast ein Viertel der in Deutschland lebenden Frauen im gebärfähigen Alter hat einen Migrationshintergrund. Aktuell handelt es sich um 3,6 Millionen Frauen, ihre Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Frauen ausländischer Herkunft bringen inzwischen mehr als ein Drittel der hierzulande geborenen Kinder auf die Welt.

Aus welchen Ländern stammen die Frauen in Ihrer Studie?
Wir haben uns auf die größten Zuwanderergruppen konzentriert und je 200 Migrantinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Polen, Russland und der Türkei in die Studie aufgenommen. Zusätzlich wurde eine deutsche Vergleichsgruppe befragt.

Wie groß ist das Wissen über reproduktionsmedizinische Verfahren?
Das hängt stark vom Bildungsstand und von den Deutschkenntnissen ab. Frauen deutscher Herkunft wissen im Schnitt etwas besser Bescheid als Frauen, die aus dem Ausland stammen. Die größten Wissenslücken weisen Frauen aus der Türkei auf.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Ja, durchaus. Zum Beispiel überschätzen praktisch alle Frauen die Erfolgsaussichten assistierter Reproduktion. Systematisch unterschätzt wird hingegen die mit dem Alter nachlassende weibliche Fruchtbarkeit.

Wie stehen die Frauen in Ihrer Studie generell zur Reproduktionsmedizin?
Wir haben eine ausgesprochen hohe Akzeptanz festgestellt. So können rund 90 Prozent der aus Polen stammenden Frauen und 75 Prozent der Frauen aus der Türkei sich vorstellen, reproduktionsmedizinische Verfahren selbst zu nutzen. In der deutschen Vergleichsgruppe sind es nur 56 Prozent.

Und wie verhält es sich mit der Nachfrage?
Nach Schätzungen von reproduktionsmedizinischen Zentren, die im Rahmen einer Teilstudie befragt wurden, haben zwischen 20 und 30 Prozent der Behandelten einen Migrationshintergrund, in einigen Zentren sind es sogar bis zu 50 Prozent. Eine Statistik zur Inanspruchnahme von Reproduktionsmedizin durch diese Gruppe gibt es aber nicht.

Haben Sie eine Erklärung für die hohe Akzeptanz der Fortpflanzungsmedizin bei Migrantinnen?
Ich denke, es hat damit zu tun, dass die meisten Migrantinnen sich ein erfülltes Leben nur mit eigenen Kindern vorstellen können. Auch ist die gewünschte Kinderzahl höher als bei Frauen deutscher Herkunft. Nur ein verschwindend geringer Anteil von Migrantinnen will dauerhaft kinderlos bleiben – anders als bei deutschen Frauen, von denen etwa zehn Prozent keine Kinder bekommen wollen. Kinderlosigkeit ist in Deutschland sozial akzeptiert, wohingegen Migrantinnen oft unter enormem Druck seitens ihrer Familie stehen, schon in jungen Jahren Nachkommen zu präsentieren. Wenn es dann auf natürlichem Weg nicht klappt, ist Hilfe willkommen.

Jedwede Hilfe?
Nein, da wird sehr genau unterschieden. Eine Hormonbehandlung und eine In-Vitro-Befruchtung mit dem Sperma des eigenen Partners ist für 70 bis 95 Prozent der Frauen akzeptabel. Verfahren, die auf Fremdspenden beruhen, wie die anonyme Samenspende oder die in Deutschland nicht erlaubte Eizellspende oder Leihmutterschaft werden fast durchweg abgelehnt. Dieses Einstellungsmuster zeigt sich bei den Migrantinnen ebenso wie in der deutschen Vergleichsgruppe.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke beim Thema Fortpflanzungsmedizin?
Sie sind sehr wichtig für die Frauen. Über Kinderwunsch und Familienplanung können sie sich offen im persönlichen Umfeld austauschen. Das ändert sich, wenn es um Reproduktionsmedizin geht: Für ein Gespräch darüber kommen nur wenige Personen in Betracht und die kennen sich meistens auch nicht aus. Für Migrantinnen ist das Fernsehen eine wichtige Wissensquelle. Sehr viele von ihnen suchen im Internet nach Informationen und tauschen sich in webbasierten Foren aus.

Wie bewerten Sie die Qualität der in Internetforen kursierenden Information?
Da findet sich leider sehr viel Unausgegorenes. Allzu oft handelt es sich um eine Wissenskommunikation unter Unwissenden. Eine bedenkliche Entwicklung, denn der anonyme Austausch im Netz ersetzt zunehmend das Gespräch mit dem Arzt.

Lässt sich das ändern?
Nur bedingt. Aber es sicher an der Zeit, zuverlässigen Informationen über die Reproduktionsmedizin und ihre Möglichkeiten mehr Gehör zu verschaffen, und zwar in vielen Sprachen und auf vielen Kanälen.

Wollen Sie mit Ihrem Team dazu beitragen?
Ja. Unser Ziel ist es, Empfehlungen für eine zielgruppenspezifische Kommunikation zu entwickeln, die kulturelle Eigenheiten berücksichtigt. Sie sollen Beratungsstellen wie profamilia, aber auch den vielen reproduktionsmedizinischen Zentren im Land helfen, Frauen unterschiedlicher Herkunft zu erreichen.

Interview: Lilo Berg

 

Prof. Dr. Sonja Haug von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg führt derzeit zusammen mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Karsten Weber eine Studie zum Einfluss sozialer Netzwerke auf den Wissenstransfer am Beispiel der Reproduktionsmedizin durch. Die Studie wird vom Bundesforschungsministerium im Rahmen eines Programms zum Wissenstransfer in den Lebenswissenschaften gefördert. Von den geplanten vier Teilstudien sind zwei Untersuchungen abgeschlossen: eine telefonische Umfrage unter tausend Frauen und eine Befragung der im Deutschen In-vitro-Fertilisationsregister eingetragenen Behandlungszentren. Folgen wird in den kommenden Monaten eine Befragung von Frauen in reproduktionsmedizinischer Behandlung. Außerdem wollen die Wissenschaftler Auskünfte und Ratschläge, die Frauen sich in Internetforen untereinander geben, inhaltlich überprüfen.

Weiterführende Informationen:
http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/_media/06_Haug.pdf

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Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5