Die Familie in den Köpfen

Wie Leitbilder der Elternschaft das Verhalten junger Menschen beeinflussen

Erst die gesicherte Existenz mit fester Stelle und schöner Wohnung, eine stabiler Partnerschaft und dann irgendwann das erste Kind: So sieht für viele junge Deutsche der ideale Weg zur eigenen Familie aus. „In den Köpfen dominiert das Leitbild der materiell abgesicherten Elternschaft“, sagt Sabine Diabaté vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden. Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie in Berlin stellte ihre Forschungsgruppe Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung über Familienleitbilder in Deutschland vor. Die Studie basiert auf einer Befragung von fünftausend Frauen und Männern zwischen 20 und 39 Jahren. Demnach wünschen sich viele Befragte mehr als zwei Kinder. Diese Absicht, so Studienleiterin Diabaté, kollidiere jedoch häufig mit hinderlichen Idealvorstellungen und werde dann nicht umgesetzt.

Die Wiesbadener Studie steht für eine aktuelle Richtung in der demografischen Forschung. Diese konzentrierte sich lange Zeit auf strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen der Elternschaft. Wenig Beachtung schenkte man hingegen den kulturellen Leitbildern, die unsere Vorstellungen von einer normalen Familie oder einer idealen Kindheit prägen. Dabei haben solche Normen einen gewaltigen Einfluss auf die private Lebensführung, wie frühere Studien deutlich machten. Die Entschlüsselung kultureller Leitbilder verspricht ein tieferes Verständnis der außergewöhnlich niedrigen Geburtenrate in Deutschland, an der auch die großen politischen Anstrengungen der letzten Jahre nicht viel ändern konnten.

Wenn Perfektionsstreben und Kinderwunsch kollidieren
„In Deutschland dominiert eine Kultur des Bedenkens, Zweifelns und Sorgens im Hinblick auf die Elternschaft, obwohl der Wunsch nach einem eigenen Kind groß ist“, sagt der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Norbert F. Schneider. Mehr als 80 Prozent der Untersuchungsteilnehmer glaubt zum Beispiel, dass man bei der Erziehung viel falsch machen kann. Und ein Viertel stimmte der Aussage zu, dass Eltern ihre Bedürfnisse vollständig denen ihrer Kinder unterordnen sollten. Die Gesellschaft übe einen starken Druck auf Eltern aus, sich für ihre Kinder aufzuopfern, sagte knapp die Hälfte der Befragten. Für viele junge Erwachsene ist die Elternschaft, so scheint es, zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe geworden. Doch je höher die Ansprüche sind, das zeigt die Leitbildstudie, desto schwächer ausgeprägt ist der Kinderwunsch. Schneiders Fazit: „Der Wunsch nach Perfektion erschwert die Elternschaft.“

Manche Leitbilder halten dem Druck des Alltags allerdings nicht unbegrenzt stand. Zwar wollen heute viele Männer die klassische Rolle des Familienernährers und die neue Rolle des aktiven, gleichberechtigten Vaters miteinander vereinbaren. Sind die Kinder aber erst einmal da, verschieben sich die Gewichte häufig wieder in Richtung traditioneller Stereotype, wie die Wiesbadener Studie zeigt. Väter und Mütter sehen im Vater dann eher wieder den Ernährer.

Hohe Ansprüche an Mütter, vor allem in Westdeutschland
Das Leitbild der verantworteten Mutterschaft steht für die hohen Ansprüche an Mütter in Deutschland. So plädierten mehr als drei Viertel der Befragten dafür dass Mütter nachmittags Zeit haben sollten, um ihren Kindern beim Lernen zu helfen. Und sogar 87 Prozent vermuten, dass die Gesellschaft genau das von Müttern verlangt. Zwar sei externe Betreuung von unter Dreijährigen prinzipiell akzeptiert, heißt es in der Studie, im Westen Deutschlands jedoch tendenziell erst bei älteren Kindern und seltener ganztags als im Osten des Landes.

Von einem Vergleich mit Frankreich, wo die Geburtenrate beständig höher liegt als in Deutschland, erhoffen sich die Wiesbadener Forscher weitere Erkenntnisse. Während Kinderlosigkeit in Deutschland völlig akzeptiert sei, sei dies in Frankreich nicht der Fall, sagt Sabine Diabaté und gibt damit einen ersten Einblick in die noch laufende kulturübergreifende Leitbildstudie. Wichtige Erkenntnisse verspricht sich die Wissenschaftlerin auch von einer Untersuchung der Familienleitbilder von Migranten in Deutschland – erste Ergebnisse werden noch in diesem Jahr erwartet. Darüber hinaus startet in diesem Herbst eine Wiederbefragung. Drei Jahre nach der ersten Erhebung will man herausfinden, ob sich im Familienleben der Befragten etwas verändert hat und welche Faktoren dabei eine Rolle gespielt haben.

Dass junge Erwachsene in Familienfragen hierzulande unter einem enormen Erwartungsdruck stehen, hat die noch junge Leitbildforschung jetzt schon überzeugend vor Augen geführt. Diese Last zu lindern könnte eine lohnende neue Aufgabe der Familienpolitik sein.

von Lilo Berg

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Weiterführende Informationen:

Buch: Schneider, Norbert F., Diabaté Sabine, Ruckdeschel, Kerstin (Hg.): Familienleitbilder in Deutschland. Kulturelle Vorstellungen zu Partnerschaft, Elternschaft und Familienleben, Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft: Bd. 48, Wiesbaden 2015

Broschüre: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.): Familienleitbilder – Muss alles perfekt sein? Leitbilder zur Elternschaft in Deutschland, Wiesbaden 2015

www.bib-demografie.de/leitbild

4.573 Zeichen inkl. Leerzeichen, ohne Titel und Zusätze

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5