Wohlstandsgefälle wirkt sich auf Gesundheit von Kindern aus

Ist eine Gesellschaft, die wohlhabender ist, dadurch automatisch auch gesünder? Eine wissenschaftliche Studie belegt, dass das Gegenteil der Fall sein kann – ein ansteigendes Wohlstandsgefälle senkt die Gesundheit in reichen Gesellschaften. Besonders betroffen sind Kinder aus sozial schwachen Familien. Doch wie kann die Gesundheit dieser Kinder verbessert werden? Mögliche Lösungswege zeigt eine weitere Untersuchung, die das Problem aus gesundheitsökonomischer Perspektive betrachtet.

„Wir müssen sicherstellen, dass soziale Ungleichheiten nicht weiter wachsen“, forderte Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), auf dem „Life Science Day“, der im Oktober 2014 in Berlin stattfand. Es drohe „eine noch größeren Zersplitterung der Lebenserwartung von Personen“, wenn die Leistungen des Sozialstaates weiter verringert würden. Hintergrund für diese Aussage sei die Erkenntnis, dass Armut sehr stark mit Lebenserwartung und Gesundheit korreliere.

Mit ihrer Forderung, ein weiters Anwachsen sozialer Ungleichheiten zu verhindern, nahm Allmendinger implizit auch Bezug auf eine in der Wissenschaft kontrovers diskutierte Hypothese, die besagt: Je größer die Unkommensungleichheit in einer Gesellschaft, desto niedriger ist ihr gesundheitlicher Status. Konkret bedeutet dies: Eine Gesellschaft A kann zwar insgesamt reicher sein als eine Gesellschaft B. Wenn jedoch die Einkommensungleichheit in Gesellschaft A größer ist, dann ist das Niveau ihrer Gesundheit niedriger als in der Gesellschaft B.

Prof. Mikko Myrskylä, seit Oktober 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, widmete sich gemeinsam mit Roberta Torre der Frage, wie die Plausibilität der Hypothese über den Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Gesundheit nachgewiesen werden könne. In einer Anfang 2014 veröffentlichten Studie analysierten die Wissenschaftler Paneldaten aus 21 „reichen“ Ländern, die über einen Zeitraum von 30 Jahren erhoben worden waren. Sie stellten fest, dass im Erhebungszeitraum in zwei Dritteln der Länder die Einkommensungleichheit gestiegen ist, zum Beispiel im Vereinigten Königreich zwischen 1975 und 2006 um 43 Prozent. Damit einher ging in allen betreffenden Ländern eine geringere Lebenserwartung und eine höhere Mortalitätsrate, wodurch die Forscher die auseinanderdriftende Einkommensverteilung als eine wesentliche Einflussgröße für die Gesundheit ausmachen konnten.

Einkommensungleichheit zeigt signifikante Auswirkungen bei Kindern

Besonders signifikant zeigt sich dieser Prädiktor bei den Kindern, eindeutig belegbar ist er ebenso für junge bis mittelalte Erwachsene. Bei den Kindern ließen sich dabei keine Geschlechtsunterschiede aufweisen. Dagegen konnte die mit der Einkommensungleichheit assoziierte Sterblichkeitsrate bei Jugendlichen ab 15 und Erwachsenen unter 50 Jahren eindeutig männlichen Personen zugeordnet werden.

In Hinsicht auf die erhöhte Sterblichkeitsrate bei Kindern bleibt allerdings weiterhin unklar, wie genau die Einkommensungleichheit als Einflussfaktor wirkt. Die Wissenschaftler verweisen hier auf einen statistisch nachweisbar starken Zusammenhang mit Armut und sozialer Ausgrenzung. Allgemein könne Einkommensungleichheit die Möglichkeiten von Eltern verringern, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, und hätte somit Auswirkungen auf die Gesundheit. Plausible Ursachen hierfür könnten in zu geringen Investitionen in die betreffenden Bereiche des Sozialwesens und einer unzureichenden finanzielle Unterstützung für Familien liegen.

Die Wissenschaftler nennen in diesem Kontext noch einen weiteren Aspekt: „Es ist auch möglich, dass in Gesellschaften mit größerer Einkommensungleichheit Eltern mehr darum kämpfen müssen, ihren sozialen Status aufrecht zu erhalten oder zu verbessern.“ Als eine Folge investierten diese Eltern möglicherweise relativ mehr Energie darauf, auf der sozialen Leiter nicht hinabzufallen – und weniger in das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Kinder. Nachweisbar sei auch die Korrelation von Stress mit Frühgeburten und verkürzter Schwangerschaftsdauer, was beides die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes eines Kindes erhöhe.

Die Forscher resümieren, dass die Ergebnisse ihrer Studie ein neues Licht auf die Hypothese über den Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Gesundheit werfen. Mögliche Konsequenzen sollten sich darauf richten, das Wohlstandsgefälle zu mindern: „Die Befunde legen nahe, dass politische Maßnahmen, die die Einkommensungleichheit verringern, auch zu einer besseren Gesundheit führen könnten – vor allem bei Kindern und jungen bis mittelalten Erwachsenen.“ Dabei betonen die Wissenschaftler abermals, dass die Wirkungsmechanismen, die hinter dem aufgewiesenen Zusammenhang stehen, bislang nicht aufgeklärt sind. Sie fordern deshalb, den Fokus zukünftiger Forschung verstärkt auf diese Frage zu richten.

Gesundheit der Kinder rechtfertigt Eingriff des Staates

Aus einer anderen Perspektive beschäftigte sich Prof. Hendrik Jürges in seiner Ende 2013 erschienenen Schrift „Bildungspolitik versus Gesundheitspolitik – Evidenzbasierte Interventionen gegen soziale Ungleichheit in Gesundheit“ mit den Auswirkungen des Wohlstandsgefälles. Jürges ist Leiter des Lehrstuhls für Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement der Schumpeter School of Business and Economics an der Bergischen Universität Wuppertal. Die Leitfrage seiner Untersuchung lautet, „ob und wie soziale Ungleichheit in Gesundheit mit wirtschafts- und sozialpolitischen Mitteln vermindert werden kann.“

Der Wissenschaftler stellt zunächst fest, dass in Deutschland soziale Ungleichheit in der Gesundheit kaum in der öffentlichen Diskussion sei, „obwohl auch hier besser gebildete, reichere, und in der beruflichen Hierarchie höher stehende Menschen zeitlebens gesünder sind und länger leben als andere.“ Und genau dadurch würde die soziale Ungleichheit „entlang einer weiteren wichtigen Dimension“ noch verstärkt.

Nichtsdestotrotz wird in vielen wirtschaftsliberalen Positionen die Auffassung vertreten, es gebe keinerlei Handlungsbedarf, „solange die Ungleichheit in Gesundheit auf den im Prinzip frei getroffenen Wahlhandlungen souveräner Konsumenten basiert.“ Der Forscher betont, es gebe vielerlei Argumente, dieser Position innerhalb eines Diskurses entgegenzutreten – „doch eine Rechtfertigung für einen Eingriff des Staates lässt sich spätestens dort erkennen, wo die Ungleichheit in Gesundheit nicht auf den Wahlhandlungen der Betroffenen beruht, nämlich zum Beispiel im Kindesalter.“

Arme Kinder befinden sich in einem Teufelskreis

Jürges verweist auf Forschungsergebnisse, die belegen, dass reiche Kinder gesünder sind als arme. Arme Kinder kämpfen dann auch mit zunehmendem Alter mit einem höheren Krankheitsrisiko. Der Wissenschaftler identifiziert hier einen intergenerativen Transmissionsmechanismus, bei dem es sich letztlich um einen Teufelskreis handelt: „Ein niedriger sozialer Status der Eltern führt zu einer schlechten Gesundheit der Kinder, diese führt wiederum über mangelnde Bildung zu einem niedrigen sozialen Status der Kinder als Erwachsene. Gleichzeitig führt schlechte Gesundheit im Kindesalter zu schlechter Gesundheit im Erwachsenenalter.“

Besonders daraus erwächst für Jürges die Forderung nach einer Gesundheitspolitik, die bei der Gesundheit der Kinder ansetzt. Ihre vordringliche Aufgabe sollte darin bestehen, die Gesundheit eines Kindes vom sozialen Hintergrund zu lösen und den Teufelskreis des intergenerativen Transmissionsmechanismus von niedrigem sozialen Status und schlechter Gesundheit zu durchbrechen. „Dies gelingt insbesondere, wenn mit der besseren Gesundheit auch eine bessere kognitive Entwicklung und bessere Bildung einhergeht“, erklärt der Wissenschaftler.

Einen konkreten politischen Maßnahmenkatalog will Jürges zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch nicht empfehlen. Dafür fehle es derzeit noch an empirischer Evidenz: „Wir verstehen noch recht wenig von den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen sozialem Status und Gesundheit und noch weniger von den möglichen Interventionen, die tatsächlich geeignet wären, Ungleichheit in Gesundheit zu vermindern.“ Die Wissenschaft solle deshalb mögliche politische Maßnahmen in Hinsicht auf Wirksamkeit und Kosteneffizienz verstärkt untersuchen und evaluieren. Gegenüber einer allgemeinen Politik zur „Schaffung einer gerechteren Gesellschaft“ sei es pragmatischer, „gezielt auf die Verbesserung der Gesundheit von Kindern sozial schwacher Familien hin zu erforschen und entsprechende Politikmaßnahmen zu ergreifen.“ Anders ausgedrückt gehe es hierbei um die Erforschung und Umsetzung kosteneffektiver Präventionskonzepte.

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

Mikko Myrskylä, Roberta Torre: „Income inequality and population health - An analysis of panel data for 21 developed countries, 1975–2006

Hendrik Jürges: „Bildungspolitik versus Gesundheitspolitik - Evidenzbasierte Interventionen gegen soziale Ungleichheit in Gesundheit“

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Life Science Day 2014: „Die heute 70 Jahre alten Menschen sind fitter, mobiler und kognitiv besser.“

Bild Eingangsseite: By Curtis Newton ↯Curtis Newton at de.wikipedia [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], from Wikimedia Commons

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5