Elterngeld: Studie belegt positive Arbeitsmarkteffekte

Das 2007 eingeführte Elterngeld hat die finanzielle Situation für Eltern im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes substanziell verändert. Welche mittelfristigen Effekte die Reform hatte, zeigt eine Studie des Rheinisch-Westfälisches Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die erstmals die Beschäftigungssituation von Müttern drei bis fünf Jahre nach der Geburt eines Kindes untersuchte.

In der im Mai 2014 veröffentlichten Studie analysierten die RWI-Wissenschaftler die Arbeitsmarkteffekte bei Müttern basierend auf einem „natürlichen Experiment“ rund um den Stichtag der Einführung des Elterngeldes: Alle Eltern mit einer Geburt ab 1. Januar 2007 und Anspruch auf das neue Elterngeld gehörten zur untersuchten Zielgruppe, diejenigen mit einer Geburt vor dem Stichtag fungierten als Kontrollgruppe. Die Datengrundlage bildete der Mikrozensus.

Die Studie offenbart, dass das Elterngeld das Arbeitsmarktverhalten der Mütter im untersuchten Zeitraum nachhaltig verändert hat. Im gesamten Bundesgebiet lässt sich eine deutlich bessere Arbeitsmarktbindung der Mütter aufweisen: Es arbeiten mehr Mütter als zuvor – und dies mit längeren Arbeitszeiten. Unter anderem hat sich die Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, durch das Elterngeld in einigen Untersuchungsgruppen um bis zu zehn Prozent erhöht. Überdies kehren sie in stärkerem Maße in ihren früheren Job zurück. Und die Arbeitgeber scheinen dies verstärkt durch unbefristete Verträge zu honorieren. „Unsere Interpretation ist, dass die Begrenzung des Elterngeldes auf ein Jahr ein klares Signal hinsichtlich des Rückkehrzeitpunkts auch an die Arbeitgeber gibt, die dies durch bessere Jobqualität belohnen“, sagt RWI-Projektleiter Prof. Jochen Kluve.

Positiv sind die Effekte vor allem bei Frauen, die ihr erstes Kind bekamen und über ein höheres Einkommen verfügen. Der ausgeprägte Beschäftigungszuwachs vollzog sich vor allem in der Teilzeiterwerbstätigkeit. Hier allerdings arbeiten Elterngeldmütter signifikant häufiger im oberen Teilzeitbereich von 23 bis 32 Stunden pro Woche als im Bereich unter 23 Wochenstunden.

Ein besonderer Fokus der Studie lag auch auf Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland. Vor allem in den alten Bundesländern stellten die Forscher fest, dass beispielsweise karriereorientierte Mütter häufig früher auf eine Vollzeitstelle zurückkehren. In Ostdeutschland dagegen führte die Reform tendenziell zu einer Substitution von Vollzeit- durch Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sowohl die Erwerbsbeteiligung als auch der Anteil von Vollzeitstellen auch nach der Reform in Ostdeutschland höher ist.

Die Forscher wollen nicht ausschließen, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Teil der Mütter die Wahrscheinlichkeit, ein weiteres Kind zu bekommen, gesenkt hat. Dies gilt insbesondere für Mütter, die bei der Geburt des Kindes 29 Jahre oder jünger waren. Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit der Entscheidung, früher wieder in das Berufsleben zurückzukehren – spätere Geburten seien, wie die Wissenschaftler betonen, jedoch nicht ausgeschlossen.

Möglicherweise könnte das zum 1. Juli 2015 geplante „ElterngeldPlus“ die positiven Effekte am Arbeitsmarkt noch verstärken. Das Anfang Juni 2014 im Bundestag vorgestellte Reformpaket soll für Mütter und Väter vor allem einen früheren beruflichen Wiedereinstieg in Teilzeit attraktiver machen. Bislang ist das Elterngeld auf 14 Monate befristet, und die Wiederaufnahme einer Beschäftigung in Teilzeit führt zu einem teilweisen Anspruchsverlust. Die Neuregelung soll nicht nur diesen Nachteil beseitigen, sondern umgekehrt den Bezug von Teilzeiteinkommen explizit fördern. Durch das ElterngeldPlus sollen Eltern, die beide in Teilzeit arbeiten, bis zu 28 Monate Elterngeld beziehen können.

„Das ‚ElterngeldPlus’ gibt den Eltern mehr Wahlmöglichkeiten, ihre Teilzeit zu gestalten“, sagt Kluve. „Allerdings ist die Frage, ob die in der Studie gezeigten positiven Effekte anhalten werden, wenn der Bezugszeitraum flexibler wird.“

Prof. C. Katharina Spieß, Leiterin der Abteilung „Bildung und Familie“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Co-Autorin der Studie „Zukunft mit Kindern – Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland“, bezeichnet die Einführung des Elterngeldes insgesamt als „Weg in die richtige Richtung“. Denn mit einem steigenden Haushaltseinkommen und mit mehr Zeit für die Kinder steige auch das Wohlbefinden der Eltern.

In einem gemeinsamen Kommentar mit Dr. Katharina Wrohlich vom DIW beurteilte sie die geplanten weiteren Reformvorschläge zum ElterngeldPlus als durchweg positiv, als diese im März 2014 vorgestellt wurden: „In jedem Fall setzen die Reformvorschläge konsequent eine Politik fort, die mit dem Elterngeld begonnen hat und mit dem Kita-Rechtsanspruch ab dem zweiten Lebensjahr fortgeführt wurde: Sie verringern die Anreize für Mütter, länger aus dem Erwerbsleben auszusteigen, und erhöhen deren Chancen auf ein mittel- und langfristig stabiles Erwerbseinkommen und damit auch ein höheres Alterseinkommen.“

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

Jochen Kluve, Sebastian Schmitz (2014): Social Norms and Mothers’ Labor Market Attachment. The Medium-run Effects of Parental Benefits, Ruhr Economic Papers #481

Jochen Kluve, Sebastian Schmitz (2014): Mittelfristige Effekte der Elterngeldreform in Ost- und Westdeutschland. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung: Vol. 83, Familienpolitische Maßnahmen in Deutschland – Evaluationen und Bewertungen, pp. 163-181

ElterngeldPlus: Der Kurs stimmt! Kommentar von C. Katharina Spieß und Katharina Wrohlich

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5