Modellsimulation zeigt mögliche Trendumkehr in der Fertilitätsentwicklung

Empirische Studien haben gezeigt, dass es einen substantiellen und im Zeitverlauf stärker werdenden Zusammenhang zwischen der Fertilität von Eltern und derjenigen ihrer Kinder gibt. Ein interdisziplinäres Forschertrio der Universität Stockholm errechnete nun in unterschiedlichen Szenarien, dass die generationsübergreifende Korrelation von Familiengrößen einen starken Einfluss auf zukünftige Populationsgrößen haben kann.

In ihrer Anfang 2014 erschienenen Publikation weisen Martin Kolk (Department of Sociology), Daniel Cownden (Centre for the Study of Cultural Evolution) und Magnus Enquist (Department of Zoology) darauf hin, dass im Kontext des vielfach dokumentierten und untersuchten Geburtenrückgangs ein Aspekt bislang zu wenig Beachtung fand: die Korrelation zwischen der Fertilität der Eltern und der Fruchtbarkeit ihrer direkten Nachkommen. Diese lag vor dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Geburtenrückgang noch auf einem unbedeutenden Niveau, stieg dann aber bis zur Gegenwart an.

Die Betrachtung beider Phänomene im Zusammenhang legt nahe, dass kulturelle Übertragung seitens der Eltern ebenso wie genetische Vererbung für die Fertilitätsentwicklung eine wesentliche Rolle spielen. Doch insbesondere angesichts des in der industriellen Revolution schnell und drastisch einsetzenden Geburtenrückgangs schien es für die Wissenschaftler ausgeschlossen, dass dies die einzigen Determinanten für die Fertilitätsentwicklung sind. Die generationsübergreifend ansteigende Korrelation ließe sich nur dadurch erklären, dass auch kulturelle Informationen, die nicht von den Eltern auf die Kinder übertragen werden, einen wesentlichen Faktor bilden. „Wir präsentieren ein Modell, das den historischen Geburtenrückgang als kulturellen Prozess darstellt, der seine Grundlage in neuen, mit der Fertilität zusammenhängenden Lebensstilen hat", sagen die Forscher. Zwei Modellsimulationen führten dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen: „Generationenübergreifende Fertilitätskorrelationen könnten im Zeitverlauf zu einem Anstieg der Fertilität führen. Allerdings könnten niedrige Fertilitätsstufen weiterhin bestehen bleiben, wenn auch zukünftig die schnelle Einführung neuer kultureller Lebensstile anhält.“

© UN Photo/ Kibae Park. Mother and three children in Viet Nam.

© UN Photo/ Kibae Park. Mother and three children in Viet Nam.

Die Wissenschaftler entwickelten zwei stochastische Modelle, die beide sowohl den Geburtenrückgang als auch den Anstieg der generationsübergreifenden Korrelation abbilden sollten. Dazu benötigten sie vergleichsweise wenige Regeln und Parameter. So wurde in der ersten Simulation der mögliche Einfluss von kulturellen Rollenmodellen sehr stark vereinfacht. Gestartet wurde sie in einer Modellpopulation mit hoher Fertilität. Zugleich sollte ein Lebensstil mit niedriger Fertilität eine in dieser Population weit verbreitete und bedeutende kulturelle Einflussgröße sein. Dadurch wollten die Wissenschaftler die Voraussetzungen nachbilden, die aus dem schnell ablaufenden Industrialisierungsprozess im 19. Jahrhundert möglicherweise den Geburtenrückgang herbeiführten. Analysiert wurde dann die Entwicklung der Population über 25 Generationen.

Trotz der Simplizität des Modells konnten die Verlaufslinien einer abnehmenden Fertilität und einer Zunahme der generationsübergreifenden Fertilitätskorrelation qualitativ abgebildet werden. Für die Forscher veranschaulichte es somit die kulturellen und evolutionären Prozesse, die den empirischen Trends zugrunde liegen. Vor allem zeigten die Resultate aber auch, wie grundlegende evolutionäre Mechanismen und generationsübergreifende Fertilitätskorrelationen schließlich wieder zu hohen Geburtenraten in einer Population führen können. Das bedeutet: Eine niedrige Fertilität muss in Gesellschaften kein dauerhafter Zustand sein, sondern könnte vielleicht als Phänomen einer historischen Übergangsphase betrachtet werden.

Um die Bedingungen zu untersuchen, unter denen die Fertilität einer Population zunächst sinkt und dann anhaltend auf niedrigem Niveau verbleibt, entwickelten die Schweden ein zweites, etwas komplexeres Modell. Als Faktor, der das Resultat der ersten Simulation verändern könnte, integrierten sie die kontinuierliche und schnelle Erneuerung kultureller Verhaltensweisen, die die Fertilität in einer Population potenziell senken. Als konkrete Beispiele hierfür nennen die Wissenschaftler neuartige Freizeitaktivitäten oder neu entstehende berufliche Möglichkeiten.

Auch die Resultate der zweiten Modellsimulation bildeten die historischen Trends ab, zeigten aber, dass die einmal gesunkene Fertilität einer Population sich in einen dauerhaften Zustand verfestigen kann. Die Forscher halten einen solchen Prozess für möglich, wenn sich die kulturelle Diversifizierung auch in Zukunft anhaltend verstärkt. Dies könne dann analog zum Mutations-Selektions-Gleichgewicht gesehen werden, das die Balance zwischen den beiden gegensätzlichen evolutiven Kräften in der Populationsgenetik beschreibt.

Die Wissenschaftler betonen, dass beide Modelle vor allem den möglichen Einfluss neuer kultureller Lebensstile auf die Fertilitätsentwicklung in einer Gesellschaft sichtbar machen. Hinsichtlich der Frage, ob der vorausgesetzte empirische Trend zu einer niedrigen Fertilität dauerhaft sein wird, geben die Untersuchungen keine eindeutige Antwort. Auf Grundlage ihrer Modelle und verschiedener Gewichtungen der kulturellen Einflussgrößen entwickelten die Stockholmer drei verschiedene Szenarien, in denen die Fertilität auf den Stand vor der industriellen Revolution zurückkehrt, sich moderat nach oben entwickelt oder auf dem niedrigen Stand der letzten Jahrzehnte bleibt.

Doch inwieweit decken sich die Resultate der Modellsimulationen mit den tatsächlichen Gegebenheiten? Auf Grundlage „harter“ Fakten wurde vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital am Vienna Institute of Demography im Jahr 2013 unter dem Titel „Future Fertility in Low Fertility Countries“ ein Gutachten erstellt, das Vorhersagen zur globalen demographischen Entwicklung unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Ausbildungsstand unterstützen soll.

Dort wird betont, dass viele Länder mit mittlerem Einkommensniveau, wie beispielsweise China, Brasilien, der Iran und die Türkei, inzwischen zu den Gesellschaften gehören, die über eine niedrige Fertilität verfügen. Der Geburtenrückgang kann demzufolge nicht mehr als ein exklusives Phänomen der westlichen Hemisphäre betrachtet werden, sondern findet mittlerweile global statt. Der noch vor einem halben Jahrhundert auch in Fertilitätsuntersuchungen als Polarität postulierte Unterschied zwischen „Industrieländern“ einerseits und „Entwicklungsländern“ andererseits besteht nicht mehr.

In der Fachliteratur werden verschiedene Faktoren genannt, die innerhalb der Gesellschaften eine Schlüsselrolle spielen, bei denen seit den 1960er Jahren eine Verminderung der Fertilität aufweisbar ist: zum Beispiel der vielfach erreichte höhere Bildungsstandard, ein höheres Einkommen, die zunehmende Gleichstellung der Geschlechter und damit verbunden die höhere Frauenerwerbsquote. Ebenso werden die Veränderungen von Weltanschauungen (ideational changes), zunehmende Konsumorientierung, Urbanisierung, das Auseinanderbrechen traditioneller familiärer Strukturen, ökonomische Unsicherheit, die Auswirkungen der Globalisierung oder Empfängnisverhütung oftmals hervorgehoben.

Insofern ist der von den Stockholmer Wissenschaftlern in ihren Modellsimulationen zugrundeliegende Ansatz, kulturellen Faktoren eine Schlüsselrolle bei der gesellschaftlichen Fertilitätsentwicklung zuzuschreiben, nach aktuellem Stand der Forschung wohl gerechtfertigt. Die Untersuchung des Wittgenstein-Centers legt allerdings an vielen Stellen dar, dass sich die Entwicklungen in verschiedenen Ländern schwer in eine generelle Verlaufslinie einordnen lassen. So sind beispielsweise die nachweisbaren Auswirkungen ökonomischer Krisen auf die Fertilitätsentwicklung in Europa, Australien und Nordamerika von Land zu Land sehr differenziert – eine Tatsache, die im abstrakten Modell der schwedischen Forscher schlechterdings nicht abgebildet werden kann.

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen

Martin Kolk, Daniel Cownden, Magnus Enquist (2014): Correlations in fertility across generations – can low fertility persist? Proceedings of the Royal Society of London, Series B, Biological Sciences 281: 20132561.

Stuart Basten, Tomáš Sobotka and Kryštof Zeman: Future Fertility in Low Fertility Countries, Vienna Institute, Working Papers, 5/2013.

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5