Familie und Beruf: Heimarbeitsquote sinkt drastisch – sind neue Teilzeitmodelle der bessere Weg?

In den Debatten über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie war häusliche Erwerbstätigkeit lange Zeit ein viel diskutiertes Konzept. Mittlerweile ist es nicht nur ruhiger um das Thema geworden – eine im Februar 2014 veröffentlichte Studie des DIW Berlin offenbart sogar einen drastischen Rückgang der Heimarbeit in Deutschland. Ganz im Gegensatz zum Trend bei den europäischen Nachbarn.

In der Europäischen Union ist der Anteil zu Hause berufstätiger Arbeitnehmer insgesamt gestiegen. Stark verbreitet ist die Heimarbeit insbesondere in den skandinavischen Staaten sowie in Frankreich, im Vereinten Königreich und in mitteleuropäischen Ländern wie der Schweiz, Österreich, Belgien und Luxemburg. Deutschland liegt im europäischen Vergleich dagegen nur im unteren Mittelfeld. Nach der Jahrtausendwende konnte in der Bundesrepublik zunächst noch ein Anstieg der Heimarbeit verzeichnet werden. Doch seit 2008 ist dieser Trend rückläufig. In nahezu allen Berufsgruppen sank die Zahl der Heimarbeiter, meist sogar im zweistelligen Bereich, insgesamt um einen Wert von 800.000.
Die Ursachen dieser drastischen Minderung sind unklar, wie Karl Brenke, Wissenschaftlicher Referent im Vorstand des DIW Berlin, ausführt: „Woran das liegt, kann ich nicht genau begründen. Jedenfalls kann man aber feststellen, dass der Rückgang flächendeckend zu beobachten ist.“ Die allgemeine Beschäftigungsentwicklung kommt als Ursache hierfür nicht in Frage. Sie zeigte von 2008 bis 2012 einen gegenläufigen Trend. Die Anzahl der Erwerbstätigen stieg in diesem Zeitraum um 1,5 Millionen an. „Wenn seitens der Politik eine bessere Vereinbarung von Erwerbsarbeit und Familie über vermehrte häusliche Berufstätigkeit angestrebt wird, wäre zunächst zu klären, warum sie in anderen Staaten stärker als hierzulande verbreitet ist“, lautet ein zentrales Fazit der Studie.

Insgesamt arbeiteten 4,7 Millionen Erwerbstätige im Jahr 2012 überwiegend oder manchmal von zu Hause aus. Die Zahl unterscheidet sich nur geringfügig von der absoluten Anzahl der Heimarbeiter vor zwanzig Jahren. In der Gruppe der Arbeitnehmer übten etwa acht Prozent ihre Tätigkeit zumindest teilweise daheim aus. Nur 1,6 Prozent arbeiteten überwiegend in den eigenen vier Wänden. Bei den Selbstständigen mit angestelltem Personal liegt der Anteil dagegen bei ungefähr einem Drittel, beim Rest der Selbstständigen sogar bei der Hälfte.

Groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen. So betrug der Anteil der Heimarbeiter unter den Lehrern und Hochschullehrern im Jahr 2011 knapp 59 Prozent. Hoch ist dieser Anteil auch bei Vertretern, Psychologen und Seelsorgern, Publizisten, Richtern und Anwälten, IT-Spezialisten, Geschäftsleitern, Steuer- und Wirtschaftsfachleuten sowie bei den Ingenieuren. Fast 60 Prozent der Arbeitnehmer, die zu Hause erwerbstätig waren, verfügen über einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.

Die DIW-Analyse zeigt noch eine weitere berufsspezifische Korrelation: „Ist der Anteil gelegentlicher häuslicher Erwerbstätigkeit innerhalb eines Berufsfeldes hoch, so ist dort auch der Anteil überwiegender häuslicher Erwerbstätigkeit hoch.“ Und dies gilt in genau umgekehrter Weise für Berufsgruppen mit einem niedrigen Anteil an Heimarbeit.
Zu einem überraschenden Befund führte der Vergleich zwischen Frauen und Männern – hier bestehen nur geringe, statistisch kaum auffällige Unterschiede. „Erstaunlicherweise arbeiten sogar eher die Männer etwas häufiger zu Hause“, sagt Brenke. Auch zwischen Arbeitnehmern mit Kindern und ohne Kinder sind die Abweichungen lediglich marginal. Wenig unterscheiden sich ebenso die verschiedenen Altersgruppen untereinander. Obwohl bei der Heimarbeitsquote eine Geschlechterdifferenz kaum feststellbar ist, wird in der Studie hervorgehoben, dass Frauen dennoch „sehr viel stärker als Männer darauf orientiert“ seien, „Berufstätigkeit mit Haushalt und Familie in Einklang zu bringen.“ Abgeleitet wird dies aus der bei Frauen sehr viel stärker ausgeprägten Teilzeitquote – mit 46 Prozent ist sie fast fünfmal höher als bei den Männern. „Erwerbstätigkeit zu Hause ist daher nicht nötig – oder nicht möglich.“

Dass ein Elternteil lieber einer Beschäftigung mit verkürzten Arbeitszeiten nachgeht, hat allerdings oftmals finanzielle Gründe, wie eine Ende 2013 veröffentlichte DIW-Studie darlegte. Die Verfasser Kai-Uwe-Müller, Michael Neumann und Katharina Wrohlich verweisen in diesem Kontext auf die Zusammenhang mit den politischen Rahmenbedingungen: „Viele der derzeitigen Steuer- und Arbeitsmarktregelungen wie das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Mitversicherung bei der gesetzlichen Krankenversicherung, aber auch die Begünstigung der Minijobs bewirken, dass das Ein- bis 1,5-Verdiener-Modell in Deutschland finanziell attraktiver ist, als wenn die Eltern im gleichen Umfang arbeiten.“
Positiv wirkt sich das auf die Gesamtsituation von Familien nicht unbedingt aus. In Deutschland lassen sich Familie und Beruf nur „schlecht“ oder sogar „sehr schlecht“ vereinbaren – das sagte mehr als die Hälfte aller Eltern von Kindern im Alter zwischen einem und drei Jahren in einer Umfrage. Doch nicht nur die rund 1,7 Millionen Kleinkind-Eltern beklagen die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Job. Ähnliche Ergebnisse zeigen auch Befragungen von Eltern mit älteren Kindern.

Etwa 60 Prozent der Kleinkind-Eltern wünschen, dass beide Partner in gleichem Umfang erwerbstätig sind und sich gleichermaßen um Haushalt und Familie kümmern. Tatsächlich ist dies aber nur bei ungefähr 14 Prozent der Fall. Die DIW-Wissenschaftler untersuchten deshalb die „Wirkungen und Kosten einer neuen familienpolitischen Lohnersatzleistung“, die Eltern „bei einer partnerschaftlicheren Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit unterstützen“ könnte.
Wrohlich erläutert, dass das auf dieser Grundlage entwickelte Modell in den meisten Fällen zu einer Wochenarbeitszeit von rund 32 Stunden führen würde: „Die Idee ist, dass eine neue familienpolitische Leistung eingeführt werden soll, die sozusagen eine Art zweimal 0,8-Verdiener-Modell unterstützen soll. Wenn beide Elternteile einer reduzierten Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen, mit in etwa 80 Prozent einer Vollzeitstelle, dann soll beiden Elternteilen die Differenz des Nettoeinkommens im Vergleich zur echten Vollzeit zum Teil ersetzt werden. Der Trick dabei ist, dass jeder Elternteil diese Lohnersatzleistungen nur bekommt, wenn beide Elternteile ihre Arbeitszeit entsprechend wählen.“ Die Kosten eines solchen Modells beziffert Wrohlich mit circa 140 Millionen Euro pro Jahr als moderat: „Das ist nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass andere familienpolitische Leistungen zum Teil Milliarden kosten.“

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

„Heimarbeit: Immer weniger Menschen in Deutschland gehen ihrem Beruf von zu Hause aus nach“, DIW Wochenbericht 8 / 2014,Karl Brenke, S. 131-139.
https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.437914.de
Pressemitteilung:
http://www.diw.de/de/diw_01.c.438120.de/immer_weniger_menschen_in_deutsc...

„Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch eine neue Lohnersatzleistung bei Familienarbeitszeit“, DIW Wochenbericht“, DIW Wochenbericht 46 / 2013, Kai-Uwe Müller, Michael Neumann, Katharina Wrohlich, S. 3-11.
http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.431389.de
Pressemitteilung:
http://www.diw.de/de/diw_01.c.431508.de/themen_nachrichten/32_stunden_wo...

Publikation

Günter Stock, Hans Bertram,
Alexia Fürnkranz-Prskawetz,
Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli,
Ursula M. Staudinger (Hg.):

Zukunft mit Kindern Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
kartoniert, 473 Seiten,
div. Abbildungen und Tabellen
Frankfurt am Main, New York:
Campus Verlag 2012
ISBN 978-3-593-39753-5